Caminho Português von Valença do Minho nach Santiago de Compostela (23. August 2021 - 2. September 2021)

Zurück auf dem Camino

Sonntag, 22. August 2021

Die Vorbereitungen sind abgeschlossen, die Rucksäcke gepackt. Morgen es geht es wieder auf den Jakobsweg, den Caminho Por-tugues. Zum ersten Mal werde ich von meiner Frau Susanne be-gleitet. Nach 2015 und 2017 bin ich zum dritten Mal auf diesem Weg unterwegs. Besonders freue ich mich, dass wir die Gelegen-heit haben, in einem heiligen Jahr zu pilgern. Das wird immer dann gefeiert, wenn der Jakobustag, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt.

Wir werden nach je einem Tag Aufenthalt in Porto und Valença do Minho einen verkürzten Camino gehen und in kleinen Hotels übernachten, die bereits alle vorgebucht sind. Das war für Susanne Voraussetzung und in der aktuellen Situation der COVID-19-Pandemie auch die beste Variante. Ab Valença do Minho haben wir dann sechs Pilgertage vor uns, um die circa 120 Kilometer nach Santiago de Compostela zu bewältigen.

Wir freuen uns sehr auf die gemeinsame Zeit auf dem Camino.

 

Spaziergang am Douro 

Montag, 23. August 2021: Koblenz - Frankfurt - Porto

Gut geschlafen geht anders, eine innere Unruhe hat uns befallen, sodass wir bereits vor der geplanten Weckzeit wach sind und auch aufstehen. Pünktlich um 5 Uhr rollt das bestellte Taxi vor die Haustüre und wir werden zum Bahnhof gefahren. Auf dem Bahnsteig wartet bereits unser Intercity zum Frankfurter Flughafen. Es dauert aber noch eine Viertelstunde, bis sich der Zug in Bewegung setzt. Um 6:45 Uhr erreichen wir den Flughafen, durchqueren den langezogenen und bereits gut bevölkerten Bahnhof und fahren mit einem Shuttle-Bus weiter bis zum Terminal 2.

Bis zur Gepäckabgabe dauert es auf Nachfrage bei dem schon emsigen Personal an unserem vorgesehenen Schalter von Ryanair allerdings noch eine Weile. Ungeduldige Passagiere stellen sich bereits in eine immer länger werdende Reihe an, während wir es bevorzugen, sitzen zu bleiben. Außerdem wird auch noch ein anderer Flug abgefertigt, wie aus der Hinweistafel ersichtlich ist. Als dann unser Flug nach Porto aufgerufen wird, geht es recht zügig voran und nur zwanzig Minuten später sind wir unsere Rucksäcke losgeworden. Dabei werden wir zu unserer Verwunderung lediglich gefragt, ob wir die notwendigen Papiere dabei hätten. Eine Kontrolle des Impfnachweises oder der für Portugal obligatorischen Passenger Location Card, die wir bereits online und zuhause ausgefüllt haben, findet nicht statt. Stattdessen bekommen wir einen kleinen Zettel, mit dem wir später beim Boarding auch nur den Personalausweis und den Boardingpass vorzeigen müssen.

Die Sicherheitskontrolle ist auch rasch erledigt und wir begeben uns in den Wartebereich von Gate D21, wo wir uns in den folgenden zwei Stunden die Zeit vertreiben müssen. Diese Zeit vergeht schneller als gedacht und endlich beginnt mit leichter Verspätung das Boarding. Dabei reichen tatsächlich der kleine Zettel, Ausweis und Bordkarte. Trotz der Verzögerung landet „unsere“ Boeing 737-800 nach einem sehr ruhigen Flug wie geplant pünktlich um 12:55 Uhr Ortszeit im sonnigen Porto. Unsere Rucksäcke erscheinen sehr schnell bei der Gepäckausgabe. In der Flughafenhalle befreien wir sie von der Transporthülle und begeben uns zur Haltestelle der Metro von Porto. Wie immer, dauert es eine Weile, bis ich die Funktionsweise des Ticketautomaten verstehe - und wie immer ist ein freundlicher Bediensteter dabei behilflich. Unser Ziel ist die Trindade, die nicht weit entfernt von unserer Unterkunft ist, dem Hotel Paulista. In der Metro spricht uns auf einmal eine Por-tugiesin an, die, wie sich in dem Gespräch herausstellt, seit über 25 Jahren in Deutschland lebt und jetzt ihre Familie besucht. Mit ihrem Mann ist sie bereits die ersten beiden Etappen des Caminho Portugues ab Porto gelaufen. Zwei Stationen vor unserem Ziel steigt sie aus und wünscht uns noch einen guten Weg. Von der Haltestelle Trindade ist sind es nur ein paar Minuten Fußweg bis zum Hotel Paulista. Die Rezeption ist inzwischen etwas größer und moderner geworden und befindet sich jetzt im Erdgeschoss. Zu meiner Überraschung bekommen wir Zimmer 106, in dem ich schon im Jahre 2015 übernachtete, als ich mit Jörg zum ersten Mal auf dem Caminho Portugues gepilgert bin. Man hat aus dem Fenster einen schönen Blick auf das Câmara Municipal do Porto, das Rathaus von Porto, und die sich anschließende zentrale Praça do Município.

Bevor wir mit der Sightseeingtour durch Porto beginnen, kaufen wir noch in einem Supermarkt Getränke und eine Kleinigkeit für den Abend. Im Einkaufskorb befinden sich unter anderem drei leckere Pasteis de Nata, Brot, Käse, Chorizo und eine Dose Super Bock, einem leckeren portugiesischen Bier, für das Abendessen. Dann ziehen wir los. Erst zieht es uns zum Bahnhof São Bento aus dem 19. Jahrhundert mit seinen blauen Kachelbildern, den Azulejos. Wir wollen uns schon einmal mit dem Bahnhof vertraut machen, da wir morgen von hiermit der Bahn nach Valença do Minho mit fahren werden. Anschließend geht es zur Kathedrale oder wie man hier sagt, Sé do Porto. Im Vergleich zu meinem letzten Besuch muss man jetzt 3 € Eintritt bezahlen. Dafür hat man aber auch Zutritt zur Schatzkammer, zur aufwändig gestalteten Sakristei und zum Kreuzgang, der ebenfalls mit den blauen Azulejos Geschichten erzählt. Auch wenn wir unseren Camino nicht in Porto beginnen, lassen wir uns trotzdem einen Stempel in den Pilgerpass geben, gewissermaßen außer Konkurrenz. Außerdem bekomme ich an der Kasse den von der Associação de Peregrinos Via Lusitana herausgegebenen Pilgerausweis, den ich schon länger haben wollte.

Wir setzen unseren Spaziergang über eine steil abwärts führende Treppe fort, die uns an das Ufer des Douro bringt. In diese mit groben Steinen gepflasterte Gasse verirren sich wohl eher selten Touristen. Da wir schon mal gerade am Flussufer sind, gehen wir über die Ponte Luiz I., einer Bogenbrücke aus Stahl. Die untere Ebene am Fluß ist Autos vorenthalten während auf der rund sechzig Meter höheren Ebene eine Metro-Linie verläuft. Hier zeigen wagemutige Einheimische zur Erheiterung der Touristen tollkühne Sprünge von der Brücke in den Fluß. Wir biegen hinter der Brücke in das Bodega-Viertel an den Cais de Gaia ab. Dort sind neben zahlreichen Restaurants auch alle ortsansässigen Portweinproduzenten vertreten und es tummeln sich sehr viele Menschen, sodass wir hin und wieder Gebrauch von unserer Maske machen. Zum Abschluss soll es zurück über das Obergeschoss der imposanten Brücke gehen, was allerdings zunächst einen mühsamen Aufstieg voraussetzt. Von oben hat man einen wirklich tollen Ausblick auf die verschiedenen Bezirke von Porto. Zum Abschluss des Tages soll es noch einen weiteren traumhaften Blick von oben geben, nämlich vom Torre dos Clérigos. Da wartet aber schon eine so lange Schlange vor dem Eingang, sodass wir die Besichtigung auf morgen verschieben. Auf dem Heimweg kommen wir zufällig an der berühmten Buchhandlung Lello vorbei, wo die Reihe der Wartenden noch deutlich länger als beim Aussichtsturm ist. Eine Buchhandlung in dem Jugendstilgebäude besteht schon seit 1869 und die Autorin Joanne K. Rowling soll angeblich während eines mehrjährigen Aufenthaltes in Porto für ihre Harry Potter-Romane von der Inneneinrichtung inspiriert worden sein. Heute muss man 5 € Eintritt bezahlen, trotzdem lässt der Ansturm anscheinend nicht nach. Gegen 18 Uhr erreichen wir unser Hotel Paulista und pflegen zunächst Körper und Kleidung, wie es sich für einen ordentlichen Pilger gehört. Die gewaschene Kleidung hängen wir am Fenster auf und hoffen, dass sie morgen früh trocken ist. Erst danach wird aufgetischt.

 

Spanische Grenze in Sichtweite

Dienstag, 24. August 2021: Porto - Valença do Minho

Die Nacht war erneut unruhig. Es lag aber daran, dass wir unsere gewaschenen Sachen ins geöffnete Fenster zum Trocknen aufgehängt haben. Unter unserem Fenster befindet sich eine Bushaltestelle, die auch in den späten Abendstunden gut genutzt wird. Dazu sorgt die mit Kopfsteinpflaster belegte Straße für eine weitere Geräuschkulisse. Als Ergebnis stand in der Nacht ein mehrmaliges Erwachen zu Buche. Trotzdem waren die meisten Kleidungsstücke am Morgen trocken.

Gegen 8 Uhr gehen wir ins Erdgeschoß zum Frühstück, das alles anbietet, um gestärkt in den neuen Tag zu starten. Anschließend packen wir unsere Rucksäcke und geben sie an der Rezeption zur Aufbewahrung ab. Wir können sie hier lassen, bis wir per Bahn nach Valença do Minho abreisen. Dann beginnen wir unseren zweiten Teil von unserem Rundgang durch Porto. Erstes Ziel ist der Torre dos Clérigos, dessen Besichtigung gestern ja nicht mehr möglich war. Wir sind pünktlich zur Öffnungszeit am Eingang, nur eine Handvoll weiterer Besucher wartet schon vor uns. Verbunden mit der Turmbesteigung ist ein geleiteter Rundgang durch eine Ausstellung sakraler Kunst. Beeindruckend ist der Blick von der Galerie in die angeschlossene barocke Igreja de Clérigos, die von einem italienischen Architekten im 17. Jahrhundert für die Bruderschaft Irmandade dos Clérigos Pobres erbaut wurde. Wie fast alle Kirchen in Porto, ist sehr prunkvoll ausgestaltet. Schließlich steigen wir 225 Stufen aufwärts und befinden uns auf der oberen Plattform des Turmes. Von hier aus haben wir einen unübertrefflichen Blick auf das alte und das moderne Porto. Der 75 Meter hohe Torre de Clérigos und zugleich Wahrzeichen von Porto dürfte einen der besten Ausblicke auf die Stadt bieten.

Als nächstes suchen wir die einen eigentümlichen sakralen Komplex auf. Unterwegs laufen wir erneut an der Buchhandlung Lello vorbei, vor der die Warteschlange schon jetzt mindestens ebenso lang ist, wie gestern Abend. Mit dem Eintrittsgeld wird dort bestimmt mehr Umsatz gemacht, als mit Buchverkäufen. Wir queren einen großen Platz mit ein paar Palmen und stehen vor der Igreja dos Carmelita und der Igreja do Carmo. In letztgenannter findet gerade noch ein Gottesdienst statt, sodass wir von einem Besuch zunächst absehen. Also besuchen wir zunächst die Igreja dos Carmelita, die frühere Ordenskirche eines nicht mehr bestehenden Klosters der Karmeliterinnenaus aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Die vergoldeten Holzschnitzereien in der Kirche sind bemerkenswert und strahlen eine tiefe Gläubigkeit aus. Inzwischen ist der Gottesdienst nebenan beendet und wir können uns auch die etwas einhundert Jahre jüngere Igreja do Carmo ansehen. Bei genauerem Hinsehen der Frontfassaden der beiden Kirchen stellt man zudem fest, dass beide Gotteshäuser durch ein circa ein Meter breites Haus getrennt sind, das bis in die 1980er-Jahre noch bewohnt war. Das dreistöckige Haus Casa Escondida ("Verborgenes Haus") wurde angeblich gebaut, damit die beiden Kirchen keine gemeinsame Wand besitzen und um jegliche Beziehungen zwischen den Nonnen der Igreja dos Carmelitas und den Mönchen der Igreja do Carmo zu verhindern

Als nächstes gehen wir durch schmale Gassen in Richtung Douro und passieren dabei die Haltestelle Infante der Életrico an der Igreja Monumento de São Francisco, der historischen Straßenbahn von Porto. Damit bin ich schon zweimal bis ans Meer gefahren, um dort meinen Caminho Portugues zu beginnen. Zufällig bereitet gerade eine Zugführerin das Fahrzeug für die nächste Fahrt vor und wir schauen uns den mühsamen Start der Fahrt an. Nur ein paar Schritte entfernt ist auch schon das Ufer des Douro. Wir schlendern an der Promenade bis zur Ponte Luiz I., wo wir über eine lange aufsteigende Treppe in den oberen Bereich der Stadt gelangen. Hier schaue ich mir noch die mit zahlreichen Azulejos verzierte Igreja de Santo Ildefonso an, während Susanne einen kleinen Markt vor der Kirche in Augenschein nimmt. Bei meinen letzten Besuchen war die Kirche leider immer verschlossen. Inzwischen ist es kurz vor 12 Uhr und wir besorgen uns im Supermarkt Kleinigkeit zum Essen. Dabei dürfen die leckeren Pasteis de Nata nicht fehlen. Wir verzehren das Gekaufte in der Nähe unseres Hotels, wo für solche Zwecke Tische und Stühle auf einem Platz bereitstehen. Ein Blick auf die Uhr zeigt an, dass wir fast zehn Kilometer zurückgelegt haben. Wir holen unsere Rucksäcke im Hotel ab und gehen zum Bahnhof São Bento, wo unser Zug schon auf Gleis 1 bereitsteht. Wir finden einen guten Platz und pünktlich um 13:05 Uhr geht es los in Richtung Valença do Minho.

Bei der Fahrkartenkontrolle zeige ich brav meine ausgedruckten Tickets vor, die ich schon vor ein paar Wochen online gebucht hatte. Der freundliche Kontrolleur erklärt mir, dass ich mir beim nächsten Mal den Ausdruck sparen kann, da er in seinem System die Namen der Reisenden hat. Das erscheint mir deutlich einfacher als bei uns. Auf dem Weg nach Valença do Minho halten wir unter anderem auch in Barcelos, Tamel, Viana do Castelo und Caminha - vier Orte, die direkt am Caminho Portugues liegen und durch die ich schon gelaufen bin. In Tamel habe ich sogar aus dem Zug die markierte Strecke erkennen können. Genau nach Fahrplan kommen wir um 15:10 Uhr in Valença an und beziehen nur zehn Minuten später unser Zimmer im Hotel Val Flores. Unseren ersten richtigen Pilgerstempel bekommen wir schon mit dem morgigen Datum an der Rezeption in unsere Credenciales gedrückt.

Nachdem wir uns in unserem Zimmer im dritten Stock breitgemacht haben, ziehen wir noch einmal los zu einem gemütlichen Spaziergang in das historische Valença, das sich innerhalb einer stark befestigten Anlage auf einer Erhebung befindet. Die kleinen Gassen sind vollgestopft mit Textilgeschäften und einigen Restaurants. Wir schauen uns die Capella de Bom Jesus und die Iglesia de Santa Maria dos Anjos an. Letztere befindet sich immer noch in dem gleichen erbärmlichen Zustand wie vor sechs Jahren, als ich letztmalig hier war. Von dem exponierten Platz auf der Höhe haben wir einen schönen Ausblick auf die Ponte Internacional, die Grenzbrücke über den Fluß Minho, die wir morgen auf dem Weg nach Spanien überschreiten werden. Auf dem Rückweg zum Hotel kaufen wir noch etwas Verpflegung und Getränke für morgen ein und finden auch noch Markierungszeichen in Blau für den Camino de Fatima. Dann wird geduscht, gewaschen und zum Abschluss des Tages direkt neben dem Hotel ein Pilgermenü im Restaurant Cristina eingenommen. Wir sind natürlich für portugiesische Verhältnisse viel zu früh dran und vertreiben uns mit dem ein oder anderen Kaltgetränk die Zeit, bis die Küche so weit ist. Susanne wählt gegrillte Dorade, ich Calamares. Dazu gibt es einen großen Salatteller für uns beide. Zufrieden und gut gesättigt geht es heute schon etwas früher ins Bett, irgendwie sind wir jetzt müde. Morgen ist dann das Touristenleben zu Ende und wir werden richtige Pilger auf dem Jakobsweg sein.

 

Konzert im Walde 

Mittwoch, 25. August 2021: 1. Etappe von Valença do Minho nach O Porriño (20,9 km)

Auch diese Nacht war unruhig, liegt unser Hotel Val Flores doch direkt an einer Hauptstraße, die sich bei leichtem Schlaf irgendwann doch bemerkbar macht. So sind wir beide in der Nacht mehrfach aufgewacht, konnten aber immer wieder einschlafen. Gegen 6 Uhr macht es dann aber keinen Sinn mehr und wir bereiten unsere Siebensachen für den Abmarsch vor. Eine gute Stunde später geben wir an der Rezeption den Zimmerschlüssel ab und wären dann soweit für die erste Camino-Etappe.

Der sehr gut markierte Weg führt uns zuerst in das historische Zentrum von Valença do Minho, das im Vergleich zu gestern Nachmittag jetzt total menschenleer ist. Es dauert aber nicht lan-ge, bis wir auf erste Pilger treffen, die ebenfalls gerade im Aufbruch sind. Wir werden heute einigen Pilger begegnen, vornehmlich Portugiesen und Spanier. Aber ganz so überlaufen scheint mir der Caminho Portugues in diesem Jahr zumindest in unserem Dunstkreis nicht zu sein. Durch einen längeren, abwärts führenden Tunnel durch die dicken Festungsmauern verlassen wir die Anlage und erreichen nur wenige Schritte entlang einer Straße die Ponte Internacional über den Grenzfluss Minho zwischen Portugal und Spanien. Die Grenze überschreiten wir mittig der Brücke, wo auf dem Boden und an der Seite eine entsprechende Markierung angebracht ist.

Am Horizont geht inzwischen die Sonne auf und unsere Uhren zeigen plötzlich eine um eine Stunde spätere Uhrzeit an - spanische Uhrzeit! Wir laufen ein Stück durch die Vorstadt von Tui, werden dann aber doch wieder an das Ufer des Minho geführt, wo wir noch einmal nach Valença zurückblicken können. Vorbei an großflächigen, kunstvollen Graffities mit ortstypischen Motiven geht es nun durch schmale Gassen aufwärts zur Kathedrale von Tui, die aber leider noch verschlossen ist. Dafür hat aber direkt um die Ecke eine Herberge mit kleinem Shop schon geöffnet, wo wir einen ersten Stempel erhalten. Inzwischen gibt es ja auch einen digitalen Pilgerausweis, den ich mit dem aushängenden QR-Code mit einem ersten Stempel eröffnen will, was aber irgendwie nicht klappt. Ich wollte das nur mal testen, der „analoge“ Ausweis ist mir wertvoller und nach dem Camino eine schöne Erinnerung.

Wir schlendern durch schmale Gassen, an Kirchen und Klöstern vorbei und steigen langgezogene Treppen hinab. Vor einem Haus steht eine Kiste mit Obst, das die Bewohner den Pilgern für den weiteren Weg anbieten. Gerne nehme ich mir eine Birne mit. Wir verlassen Tui und begeben uns durch einen grünen Abschnitt, bis wir die mittelalterlichen Ponte la Veiga erreichen, wo ein großes und bekanntes Granitmonument, das einen Pilger mit Stab darstellt. Diese Skulptur ist so etwas wie das Symbol des Camino Portugues geworden. Ich habe sogar einen Schlüsselanhänger damit und zu Hause ein Lichtspiel damit, das vor ein paar Jahren ein Pilger angefertigt hatte. Nach 6,5 Kilometern erreichen wir die Bar Muñiz in A Virxe do Camino, wo wir uns zum Frühstück Cafe con leche und ein Boccadillo gönnen – die übliche und auch schon traditionelle morgendliche Mahlzeit auf dem Jakobsweg, die ich nicht missen möchte.

Nach einer halben Stunde Pause ziehen wir weiter. Man sollte immer aufmerksam sein, denn am Rande kann man immer wieder Statuen oder Malereien mit Bezug zum Camino entdecken. Wir laufen jetzt eine Weile an einer gut befahrenen Straße entlang, der Fußweg ist aber zum Glück durch eine Art Leitplanke von der Straße getrennt. Dann biegen wir rechts in den Wald ab und es riecht leicht nach Hustenbonbons. Überall stehen hier Eukalyptusbäume, die einmal vor Urzeiten gepflanzt wurden, als schnell wachsendes Holz für den Schiffbau benötigt wurde. Heute sind die Bäume aufgrund des hohen Wasserverbrauches mancherorts ein Problem.

Auf einmal hören wir leise Dudelsackmusik. Mein erster Gedanke, da wird einer der beiden Pilger vor uns auf dem Handy angerufen. Warum sollte man nicht eine landestypische Musik als Klingelton verwenden. Dieser Klingelton dauert mir inzwischen aber zu lange und wird außerdem zunehmend lauter. Hinter der nächsten Biegung löst sich das Rätsel, denn an der Ponte das Febres aus dem 13. Jahrhundert stehen zwei Musiker mit ihren Instrumenten, die den Pilgern ein Ständchen bringen. Ja, geht es mir durch den Kopf, du bist tatsächlich auf dem Jakobsweg. Das sind uns eine kurze Unterbrechung des Weges und eine Spende in den Instrumentenkoffer wert. Nur ein wenig weiter überqueren wir die Ponte Romana de Orbenlle. Hier und auch auf weiteren Passagen der nächsten Tage laufen wir auf der historischen Via Romana XIX, die von Bracara Augusta (Braga) nach Asturica Augusta (Astorga) führte.

Schließlich erreichen wir die Stelle, wo sich zwei Möglichkeiten zum Weitergehen anbieten. Rechts geht es etwas kürzer durch ein Gewerbegebiet, links etwas länger, aber deutlich mehr durch die Natur. Früher wurden hier die Markierungen immer wieder verändert und übermalt, damit die Pilger doch bitte rechts weiterlaufen, weil es dort Einkehrmöglichkeiten gibt. Heute stehen an der besagten Stelle zwei Monolithen, die beide Varianten anbieten sowie ein Hinweisschild. Anscheinend habe sich die Wogen etwas geglättet und man konnte einen Kompromiss erreichen. Wir wählen natürlich die linke Variante, den Camino Complementario, wie auf dem Monolith vermerkt ist. Es geht entlang von Mais- und Weinfeldern und überfluteten Wegen – also wesentlich schöner, als durch ein tristes Gewerbegebiet. An einem Rastplatz mit Getränkeautomat, der leider nicht mehr funktionstüchtig ist, machen wir für eine Viertelstunde eine weitere Pause. Das muss einfach mal sein zwischendurch.

Es sind jetzt nur noch rund 4 Kilometer bis zu unserem Tagesziel O Porriño. Hinter einer Unterführung würde der Camino geradeaus weitergehen, es gibt aber auch gelbe Pfeile, die nach links auf den Trail do Louro zeigen, entlang eines Baches. Wir entscheiden uns, dem Bachverlauf zu folgen, da dieser Weg schöner zu sein scheint, als an der Straße entlang. Einziges Manko dabei sind rund 100 Meter Weg an einer Kläranlage vorbei, deren Ausdünstungen der Wind direkt zu uns trägt. Am Ende des Trails erreichen wir die öffentliche Herberge von O Porriño, an der wir allerdings nach rechts in Richtung Stadtmitte abbiegen. Kurz vor dem Bahnübergang befindet sich das Restaurant Paso a Nivel, wo wir gegen 14 Uhr Ortszeit eintreffen und uns einchecken müssen. Die Info kam unterwegs per WhatsApp von José, dem Besitzer. Eine Mitarbeiterin begleitet uns zur eigentlichen Pension Cando, die sich ein paar Straßen weiter befindet. Mit einem Code können wir unser Zimmer öffnen, das zwar klein, aber völlig ausreichend und vor allem sauber ist.

Es folgt das übliche Prozedere: Duschen, waschen, einkaufen und natürlich ausruhen für den nächsten Tag. Da wir aber Hunger haben, gehen wir zurück ins Restaurant, sind natürlich um circa 17 Uhr für spanische Verhältnisse wieder einmal ziemlich früh dran. Das bekommen wir auch sofort zu spüren. Bis auf eine kleine Auswahl kann man erst in drei Stunden aus der Karte wählen. Wir entscheiden uns für die Kleinigkeiten, die aus einem Nudelsalat mit Thunfisch und einem Hähnchenburger bestehen. Wahrscheinlich war es Schwäche, in Wirklichkeit aber eine schiefe Tischkante, die mich einen halben Liter kostet, als das Glas umkippt. Das ist dem Wirt auch nicht entgangen und er besorgt schnell Putzlappen und ein neues, gefülltes Glas. Jetzt bin ich aber vorsichtiger beim Abstellen. Zum Dessert gibt es noch leckeren Kuchen und einen kleinen Verdauungsspaziergang durch die Stadt. Gegen 19 Uhr sind wir wieder im Zimmer und hoffen auf eine ruhige Nacht.

 

Von weißen Hasen, Katzen, Pferden und Hunden

Donnerstag, 26. August 2021: 2. Etappe von O Porriño nach Cesantes (19,0 km)

Und täglich grüßt das Murmeltier: Eine ruhige Nacht geht anders - erneut liegt unser Zimmer nahe einer Bushaltestelle und über einer Bar. Im Klartext heißt das, es war nicht gerade leise und an ein Durchschlafen war erst recht nicht zu denken. Auf-grund der hohen Temperaturen staute sich darüber hinaus tagsüber die Hitze in dem kleinen. Zum Glück sank das Quecksilber am Abend etwas, da vermehrt Wolken aufzogen und wir das Fenster weit auf lassen konnten. Nachteil davon: die Geräuschkulisse. Kurz nach 5 Uhr sind wir jedenfalls wach und machen uns gemütlich fertig für den neuen Tag. Wir packen unsere Siebensachen zusammen und gehen für das Frühstück wieder ins Restaurant.

Auf dem Weg dahin kommen wir an einem Tischchen vorbei, auf dem eine ganze Armee von bemalten Jakobsmuscheln liegt. Gegen eine Spende darf man zugreifen. Normalerweise belohne ich mich erst in Santiago mit einer bunten Jakobsmuschel, doch eine gefällt mir besonders gut. Ich ändere also spontan meine Gewohnheiten und nehme sie mit. Das Frühstück fällt mit einem Croissant und einem Café con leche nicht sehr üppig aus, aber es reicht vorerst. Es schlägt gerade 7 Uhr, als wir losgehen wollen. Ich bemerke allerdings bei einer groben Überprüfung der Ausrüstung, dass ich meinen Hut im Zimmer liegen gelassen habe. Susanne sucht außerdem ihr Handy, das sie vorhin aber sicher in ihrem Rucksack verstaut hatte. Nachdem ich von meinem Ab-stecher zur Unterkunft zurück bin, kann es endlich losgehen. Die Orientierung fällt noch etwas schwer, da es noch sehr dunkel ist. Wir müssen gut aufpassen, dass wir keinen gelben Pfeil übersehen. Seltsamerweise geht immer dann eine Straßenlaterne aus, wenn wir kurz davor sind. Ob es wirklich an uns liegt?

Nach 6 Kilometern legen wir in Mos in der Bar Flora eine erste Pause mit einem weiteren Café con leche und für mich mit einem Boccadillo mit Käse und Schinken ein. Das Frühstück in O Porriño war zumindest für mich etwas spärlich, da muss jetzt noch etwas nachgeschoben werden, damit ich den Tag „überlebe“. Als wir nach einer guten halben Stunde gehen wollen, kommt noch ein Italiener dazu, der uns freundlich grüßt. Kurz bekommen wir mit, wie vor uns zwei Pilger von einem kleinen weißen Hund lauthals „belästigt“ werden. Daher suche ich nach einem Knüppel, um ihn abzuwehren, falls er uns auch zu nahe kommen sollte. Und das passiert dann auch, doch der kleine Struppi will tat-sächlich nur spielen und schnappt nach dem Knüppel. Er scheint daran Spaß zu haben. Schließlich werfe ich das Holzstück nach hinten und er rennt begeistert zurück und beginnt, damit zu spielen. Hinter uns übernimmt der Italiener den Stock und macht mit dem Kleinen weiter.

Kurz darauf schließt Simone aus Pineto am Adriatischen Meer, wie er sich vorstellt, zu uns auf und ich unterhalte mich mit ihm eine ganze Weile. Dabei erzählt er mir, dass er bisher nicht nur dem kleinen weißen Hund begegnet ist, sondern auch schon jeweils einem weißen Hasen, einer weißen Katze und einem weißen Pferd. Ich bin verblüfft und schaue einfach mal in die Glas-kugel, welche weiße Tiere er auf seinem Camino noch treffen könnte. Als wir ein steiles Stück abwärts gehen, erreichen wir die Albergue Corisco, die auch eine Bar beherbergt. Hier haben wir circa 12 Kilometer auf dem Tacho bis Cesantes und wir sollte Zeit werden, für eine weitere Pause. Wir verabschieden uns von Simone und wünschen ihm für seinen weiteren Weg alles Gute. Es war uns eine Freude, ihn kennenzulernen.

Kaum haben wir unseren Café con leche und einen frisch gepressten Orangensaft erhalten, setzen sich Bernd und seine Frau aus dem Sauerland an den Nachbartisch - die beiden Pilger, die eben noch mit dem kleinen Vierbeiner beschäftigt waren. Es entwickelt sich auch mit diesen beiden eine nette Unterhaltung. So mag ich den Camino, wir sind jetzt mitten drin. Auch diese Pause hat nach etwas über 30 Minuten ein Ende und wir brechen zum letzten Drittel des Tages auf. Es geht gut voran, da es heute auch mit 21 Grad und Bewölkung angenehm zum Laufen ist.

Bis Redondela bleibt der Weg flach. In der Stadt versorgen wir uns in einem Supermarkt noch mit zusätzlichen Getränken und Kleinigkeiten zum Essen, da wir wohl erst spät am Abend die nächste Gelegenheit dazu haben werden. Gegen 13:15 Uhr erreichen wir in Cesantes unser heutiges Domizil, die Pension Jumboli. Nach Erledigung der Formalitäten wird uns in einem benachbarten Haus, abgelegen von der Hauptstraße in der zweiten Reihe, unser Zimmer gezeigt. Alles ist wiederum bestens und wir beginnen mit dem Duschen-Waschen-Ritual. Da inzwischen die Wolken verschwunden sind, kommt die Sonne allmählich besser zur Geltung und die Wäsche sollte an der frischen Luft schnell trocknen. Während sich Susanne noch ein wenig ausruht, mache ich mich auf den Weg zum benachbarten Refuxio de la Jerezana, um der Inhaberin Marie einen Besuch abzustatten. In ihrer liebevoll gestalteten Herberge bin ich 2015 und 2017 bei meinen bisherigen Caminos Portugues untergekommen. Sie konnte sich noch ein wenig an mich erinnern. Ihr geht es gut und sie hat inzwischen auch ein Zweibettzimmer zum Vermieten. Wenn ich das gewusst hätte...beim nächsten Mal halt!

Auf unseren Spaziergang am Zielort verzichten wir auch heute nicht. Wir gehen in Richtung Strand von Cesantes, der an der Ría de Vigo liegt, einer tief in das Landesinnere eingeschnittenen Meeresbucht mit einer Länge von 35 km und einer maximalen Breite von 7 km. Hier genießen wir die warme Spätnachmittagssonne, wenngleich der starke Wind einen anderen Eindruck der Temperatur erweckt. Zahlreiche Kyte-Surfer gehen bei den für sie tollen Verhältnissen ihrem Hobby nach und führen uns ein paar Kunststücke vor. Zum Abendessen geht es ins Restaurant - wie in Spanien üblich erst spät um 20 Uhr. Wir nehmen im Außenbereich an der Straße Platz. Das Pilgermenü soll es sein und wir entscheiden uns für Caldo Gallego (galicische Kohl- und Gemüsesuppe), gegrillte Sardinen und Käsekuchen mit Erdbeersoße). Das Essen ist sehr schmackhaft und ausreichend und nebenbei erleben wir einen farbenfrohen Sonnenuntergang mit Blick auf die Ría - ein schöner Abschluss des zweiten Pilgertages.

 

Stempelflut am Camino

Freitag, 27.August 2021: 3. Etappe von Cesantes nach Pontevedra (17, 5 km)

Wenn man erst um halb acht Uhr aufwacht, wird man gut geschlafen haben. Das hat nach den vergangenen Nächten richtig gut getan, keinen Lärm um sich herum zu haben. Da wir heute die kürzeste Etappe unserer Pilgerwanderung vorhaben, lassen wir uns entsprechend Zeit und gehen in Ruhe ins Restaurant zum Frühstück. Café con leche und Bocadillo heißt wie immer das Zauberwort, das den Pilger am Morgen zufrieden stellt. Au-ßerdem kaufe ich mir noch eine schöne blaue Muschel, die zusätzlich mit der deutschen Flagge versehen ist. Nach einer solchen Muschel habe ich schon seit ein paar Jahren gesucht. Zunächst landet sie gut geschützt im Deckelfach meines Rucksackes.

Während dem Frühstück beobachtet Susanne, dass bereits einige Pilger am Jumboli vorbeiziehen, einige davon werden wir heute sicherlich noch einmal sehen. Dann wird es auch für uns Zeit, aufzubrechen. 9 Uhr ist für Pilger eigentlich schon sehr spät. Da fällt mir spontan das französische Kinderlied „Frère Jacques“ oder eingedeutscht „Bruder Jakob“ ein, auch wenn der Text inhaltlich originär nicht auf einen schlafenden Pilger gemünzt ist - aber auch passen würde. Zunächst geht es im leichten Nebel steil aufwärts in den Wald hinein, der wieder einmal mit zahlreichen Eukalyptusbäumen versehen ist.

Endlich erwische ich auch einmal ein Blatt von einem tief herunterhängenden Zweig und zerreibe es zwischen den Fingern. Es riecht sofort nach Hustenbonbon. An der nächsten Ecke erwartet uns bereits eine Frau mit einem kleinen Angebot an Devotiona-lien, vor allem aber mit einem Pilgerstempel für den Pilgerausweis. Wir benötigen ja für die Compostela (= Pilgerurkunde in Santiago) täglich mindestens zwei Stempel, um die gelaufene Strecke nachzuweisen. Also ziehen wir die Maske aus der Tasche und lassen uns den Stempel geben. Dafür gleitet im Gegenzug eine kleine Spende in das bereitstehende Körbchen.

Am Fonte da Xesteira treffen wir auf eine viel befahrene Natio-nalstraße und einen Parkplatz. Camino Portugues-Veteranen kennen den Ort mit dem Kilometerstein 81,330, denn auf der Leitplanke sind ein gelber und ein blauer Wanderstiefel angebracht, die in jeweilige Richtung nach Santiago oder Fatima weisen. Inzwischen stehen dort eine Pilgerbank in Form eines gelben Pfeiles und Pilgerskulpturen aus rostigem Stahl. Und daneben bietet ein Mann den nächsten Stempel, ein paar Andenken und Obst an. Ok, einen Apfel und eine Banane nebst Stempel nehmen wir mit. Als wir schon wieder im Gehen sind, drückt er uns noch je einen kleinen Stein in die Hand und wünscht uns „Buen Camino“. Auf den Steinen ist ein gelber Pfeil abgebildet und die Orte Valença und Santiago geschrieben. Die Steine werden fort-an unsere Beschützer auf dem Camino sein.

Wir erreichen als nächstes das Fischerdörfchen Arcade, in dem es angeblich die besten Austern der Welt geben soll. Auf jeden Fall sichtbar ist die noch eine intakte Brücke aus der Römerzeit, die eine Engstelle der Ría de Vigo nach Ponte Sampaio überspannt. Es wird nun wieder etwas hügeliger, auch über grobe, aber gerundete Felsstücke - die Überreste der alten Römerstraße XIX. Kurz dahinter steht ein Schild: letzte Erfrischungsstelle auf den kommenden zwei Kilometern. Dort angekommen, gibt es wieder einen Stempel und wieder lasse ich ein Donativo da. Dafür bietet mir der Mann sogar an, noch eine Flasche Wasser mitzunehmen. Da wir aber noch ausreichend haben, lehnen wir dankend ab und sagen ihm, er solle sie einfach dem nächsten Pilger schenken. Keine hundert Meter weiter hinter einer Wegbiegung ein ähnliches Bild. Ein nett eingerichteter Rastplatz, Stempel- und Getränkeangebot. Sind die zwei Kilometer etwa schon rum? Dieses Mal grüßen wir nur freundlich und ziehen weiter. Das ist sicherlich gut gemeint, aber es ist dann doch einfach zu oft.

Nach fast 10 Kilometern ist die graue Wolkendecke verschwunden und wir finden oberhalb des Caminos einen netten Rastplatz, wo wir eine längere Pause einlegen. Hier befestigte ich meine neue Muschel am Rucksack. Wieder einmal breche ich meine bisherigen Prinzipien - bisher trug ich noch nie eine Muschel mit mir. Während ich am Rucksack arbeite, läuft eine Vierergruppe an uns vorbei, die wir heute schon mehrfach getroffen hatten. Ich vernehme deutsche Wörter und mache ich mich einmal bemerkbar. Bisher hatten wir nämlich lediglich spanische Floskeln ausgetauscht. Es stellt sich schnell heraus, dass wir hier ein Treffen von sechs Rheinland-Pfälzern haben: die Vier kommen aus Kaiserslautern, also gleich um die nächste Ecke von Koblenz aus gesehen. Es sind heute sehr viele Pilger unterwegs. Ich finde, dass der Camino Portugues trotz der Pandemie sehr gut frequentiert ist.

Eine gute halbe Stunde später geht es weiter. An einem weiteren Rastplatz spricht hat ein an seiner Kleidung erkennbarer Pfarrer eine Gruppe Jugendlicher um sich versammelt und spricht zu ihnen. Das Profil ist jetzt einfach und schon bald hören wir aus der Ferne Musik. Schließlich kommen wir an einen schattigen Platz, wo sich ein Paar niedergelassen hat und musiziert. Spende, Stempel, das kennen wir jetzt, machen wir aber in diesem Fall wieder gerne.

Es folgt die Capela de Santa Maria in Bertola, wo ein Stempel hinterlegt ist. Den nehmen wir auch mit, denn er hat einen offizielleren Charakter als die bisher heute eingesammelten. Wir wollen nun zügig nach Pontevedra und bleiben an der Straße, anstatt die Alternative an einem Bachlauf zu nutzen, die aufgrund vieler Mäander etwas länger ist. In der Nähe des Bahnhofes vereinigen sich die beiden Routen wieder und dort treffen wir auch die Pfälzer für einen kurzen Augenblick. Jetzt müssen wir noch einmal quer durch die Stadt zu unserer Unterkunft Acola Rooms, die wir kurz vor 15 Uhr gut finden. Der Zutritt erfolgt nur mit Code und der fehlt uns. Zum Glück verlässt in diesem Moment anscheinend eine Reinemachefrau das Haus, sodass ich nicht anrufen muss. Das erledigt sie für uns und nach kurzer Wartezeit kommt eine junge Frau, die uns aufnimmt und alles zeigt. Das Zimmer ist sehr spartanisch eingerichtet, erfüllt aber seinen Zweck - halt eine Übernachtung auf dem Jakobsweg.

Nach Dusche und Wäsche suchen wir uns einen Eissalon. Da-rauf hat Susanne schon seit Tagen Lust. Mit einem leckeren Eis in der Hand geht es weiter in Richtung Zentrum, wo wir noch das Sanctuario de Virxe Peregrina aufsuchen. Das ist eine auf dem Grundriss einer Jakobsmuschel gebaute Kirche zu Ehren der als Pilgerin dargestellten Gottesmutter. Auch hier ist der Pilgerstempel Pflicht. Allerdings müssen wir jetzt aufpassen, denn die Stempelfelder im Pilgerpass sind nicht unendlich und einen zweiten Pass wollten wir eigentlich nicht beginnen. Nach dem Besuch der Sehenswürdigkeit kaufen wir noch Getränke für den nächsten Tag ein. Während sich Susanne ein wenig ausruht, gehe ich noch zur Real Basilica de Santa Maria la Mayor. Dort besteige ich den Kirchturm und genieße die wunderschöne Aussicht auf Pontevedra. Bevor ich zurück ins Zimmer gehe, frage ich direkt gegenüber unserer Unterkunft im Restaurant Makys, ab wann wir etwas essen können. Es wird, wie hier oftmals vor Ort üblich, erst ab 20 Uhr möglich sein. Das heißt, noch gut drei Stunden warten.Ich nutze diese Freiräume gerne, um beispielsweise diese Notizen aufzuschreiben.

Dann ist es soweit, wir gehen die 20 Schritte rüber und setzen uns einfach mal hin. Da ich ja inzwischen weiß, dass hier nur Carlos, der Chef, ein paar Brocken Englisch kann, könnte es schwierig werden. Ein paar Tische weiter beginnt ein junger Mann schon zu schmunzeln. Mit ihm unterhält sich Carlos per Übersetzer auf dem Smartphone. Nachdem wir aus einer eng-lischsprachigen Karte unser Essen ausgewählt haben - Tortilla, Piementos de Padrón und Pulpo - kommen wir mit ihm über drei Tische hinweg ins Gespräch - er kommt aus Deutschland und ist beruflich hier. Das Essen ist lecker und nachdem wir alles weggeputzt haben, fragt Carlos bei uns ebenfalls per Smartphone, ob wir noch ein Postre (= Dessert) haben möchten. Warum nicht, wir nehmen hausgemachten Schokoladenkuchen und Großmutterkuchen, beide sehr lecker. Währenddessen quatschen wir weiter mit unserem Landsmann. Es ist ein netter Abend in einem tollen kleinen Restaurant mit einem sympathischen Chef, der uns zum Abschluss noch eine hochprozentige örtliche Spezialität anbietet. Zum Glück ist der Weg bis zum Bett sehr überschaubar.

 

Wein und heiße Quellen

Samstag, 28. August 2021: 4. Etappe von Pontevedra nach Caldas de Reyes (21,4 km)

Heute sind wir nach einer ganz guten Nacht gegen 6 Uhr wach geworden und beginnen gemächlich mit den Vorbereitungen für den Aufbruch. Wir könnten eine Kleinigkeit essen, denn es sind Kekse, Cerealien und Obst bereitgestellt. Unser Plan sieht aber anders aus, wir möchten zunächst gut zwei Stunden auf dem Camino sein und dann erst ein Frühstück einnehmen. Außerdem bedienen sich gerade sechs andere Übernachtungsgäste, das ist uns einfach zu eng in dem kleinen Vorraum. Circa halb acht verlassen wir unsere Unterkunft und ziehen in Richtung Brücke über den Rio Lérez. Nach ein paar Metern muss Susanne noch einmal ihre Schuhe zurechtrücken, da sie bereits eine Blase hat und eine weitere im Entstehen ist. Es ist noch dunkel und die Straßen sind leergefegt, nur ein Gastronom putzt in der Frühe schon seine Räumlichkeiten.

Als sich die Dunkelheit verzieht, ist es zwar hell, aber noch diesig und wolkenverhangen. Nach circa fünf Kilometern verschwinden die Wolken vom Himmel, der jetzt wieder seine schöne blaue Farbe der letzten Tage annimmt, die vereinzelt von weißen Tupfen durchbrochen wird. Auch wir beide verschwinden nacheinander in einer Garage, denn dort befindet sich neben Getränkeautomaten eine Toilette nebst Dusche. Ein toller Service der Eigentümer - das findet man tatsächlich hin und wieder auf dem Camino. Wir ziehen weiter und sind von den inzwischen angenehmen Temperaturen um die 20 Grad begeistert.

Wir sind schon seit einiger Zeit nicht mehr alleine unterwegs. Viele Menschen tun es uns gleich, vor allem jüngere. Die meisten haben aber auch „nur“ einen kleinen Tagesrucksack auf dem Rücken dabei. Mitten in einem Waldstück überholt uns ein Spanier in unserem Alter und fragt nach unserer Herkunft. Das hat er natürlich auch schon anhand meiner neuen Muschel am Rucksack gesehen. Die nächsten Wörter sind Koblenz und Mannheim, da war er schon einmal. Wir geben ihm zu verstehen, dass wir in Koblenz wohnen, worauf er kurz anhält und mit seinem Stock zwei Linien in den staubigen Boden zeichnet: unverkennbar, das Deutsche Eck an Rhein und Mosel. Diese Begegnungen liebe ich auf dem Jakobsweg. Trotz sprachlicher Barrieren kann man sich sehr gut verständigen.

Um 9:40 Uhr erreichen wir nach gut 9 Kilometern kurz vor der Pilgerherberge von Portela de Tamel die Bar A Pousada do Peregrino, wo wir das geplante Frühstück in Form von Café con leche und Bocadillos einnehmen. Dabei können wir beobachten, wie viele Pilger tatsächlich auf dem Camino Portugues unterwegs sind. Gut, es sind noch Ferien in Spanien und für die Spanier gehört es einfach zum Leben dazu, den Jakobsweg zu gehen. Schließlich bringt ihnen die erworbene Compostela in Santiago Vorteile z. B. im Beruf. Das ist für uns nicht vorstellbar. Unter anderem sehen wir auch wieder den Pfarrer mit seiner Jugendgruppe. Wir bleiben gut dreißig Minuten sitzen und genießen die Pause. Dann machen wir uns wieder auf den Weg oder besser gesagt, auf die Straße. Asphaltierter Untergrund macht bestimmt 50 Prozent oder mehr aus, was mich persönlich nicht stört. Ich weiß aber, dass viele Pilger auf unseren Jakobswegen rund um Koblenz jammern über die hohen Straßenanteile. Sie sollten mal hierhin kommen, es ist nicht besser. Man braucht halt vernünftige, eingelaufene Schuhe. Dann geht auch das.

Der weitere Verlauf der heutigen Etappe ist zumeist immer noch identisch mit der Via Romana XIX, deren Markierungen jetzt auch wieder öfter zu sehen sind. Man sieht sie allerdings nicht in der Häufung von gelben Muscheln und Pfeilen, die uns in ver-schiedensten Varianten und Kombinationen begegnen. Etwas ganz besonderes sind die mittelalterlichen Wegzeichen, die Cruzeiros. Das sind hohe Kreuzstelen mit Darstellungen von Jesus, Maria oder Jakobus auf der Vorder- und Rückseite der Kreuze.

An der nächsten Kreuzung steht erneut eine Garage weit offen und bietet in Automaten Getränke und Snacks an, auf einem Tischchen steht noch ein Stempel bereit, den ich mir rasch hole. Am Wegesrand häufen sich jetzt auch größere Weinfelder, die in Form von Lauben angelegt sind. Bisher sah man diese lediglich als Umrandung von z. B. Maisfeldern. Dazwischen grasen Schafe mit ihrem Nachwuchs. Es wechseln sich nun diese landwirtschaftlichen Flächen mit kurzen Waldpassagen ab, die hin und wieder durch dunkle Hohlwege führen.

Kilometer 15. Wir erreichen die Bar Oasis und beschließen kurzfristig, eine weitere Unterbrechung einzulegen, die so rasch vergeht und doch wiederum über dreißig Minuten dauert. Als wir aufbrechen, bemerken wir, dass inzwischen auch Eva und Bernd hier Platz (das Ehepaar aus dem Sauerland) genommen haben. Für einen Smalltalk mit den beiden ist noch Zeit da. Die beiden haben sich heute ihre Rucksäcke von der Post transportieren lassen, das kostet lediglich 4 Euro. Wir werden sie bestimmt noch einmal in den nächsten Tagen sehen.

Nun gehen jetzt parallel zu einer stark befahrenen Nationalstraße, an erstmals ein Schild „Santiago de Compostela, 40 km“ steht. Wir haben zu Fuß aber noch ein paar Kilometer mehr zurückzulegen. Kurz darauf laufen wir auf einen nervigen Spanier auf, der uns heute schon mehrfach aufgefallen ist. Er hört über sein Smartphone laute Musik und singt teilweise noch mit einer Begleiterin dazu. Wir überholen die beiden und hoffen, sie bald nicht mehr in unserer Nähe zu haben. Doch sie lassen sich nicht abhängen. Da kommt dann der Zufall ins Spiel. Susanne verspürt an ihrem linken Fuß einen Schmerz - die Blase am kleinen Zeh ist aufgegangen. Schnell eine Gelegenheit suchen, wo sie sich darum kümmern kann. Diese finden wir auch bald und sie wechselt Socken und Schuhe. Inzwischen sind die beiden Sänger auch schon vorbei und die Musik verschwindet immer leiser werdend hinter Weinfeldern.

Zum Glück kann Susanne weiterlaufen, auch wenn es keine Freude macht. Kurz vor Briallos gehen wir auf einem längeren Stück unter den Weinlauben durch und gelangen an einen Monolithen, der erstmals die noch bis Santiago zurückzulegende Strecke mit unter 50 Kilometer angibt. Es ist jetzt auch nicht mehr weit bis zu unserem Tagesziel Caldas de Reyes. Die Besonderheit der Stadt sind die heißen Quellen, die schon die Römer zu schätzen wussten.

Unsere Albergue Agarimo liegt direkt an der Hauptstraße. Wir treffen dort gegen 13:30 Uhr ein. Nach dem Klingeln erhalten wir direkt die ersten, gut gemeinten „Verhaltensregeln“ zur Nutzung der Hausschlüssel. Wie immer klappt das mit ein paar Brocken Spanisch, Englisch und Händen und Füßen. Am Ende ist jeder zufrieden und weiß, was er zu tun hat. Im zweiten Stock geht es weiter mit der Besichtigungstour, hier übernimmt eine Kollegin, die etwas besser Englisch spricht und uns alles andere erklärt, einschließlich der Nutzung von Waschmaschine und Trockner. Diese werden nachher noch zum Einsatz kommen. Unser Zimmer jedoch liegt im vierten Stock, hat einen Kronleuchter, ein großes Bad und einen Balkon. Mein früherer Chef hätte wohl gesagt: „Hat er wieder mal die Präsidentensuite bekommen“. Auf jeden Fall fühlen wir uns hier wohl.

Es folgt das alltägliche Pilgerritual, ihr kennt es schon: Duschen, Waschen (dieses Mal maschinell), einkaufen. Wir teilen uns heute die Aufgaben und Susanne kümmert sich um die Wäsche. Ich gehe derweil in einen Supermarkt, um Getränke und Teilchen zu kaufen. Dabei stoße ich zufällig auf die heißen Quellen. Bei der ersten ist ein Fußbad verboten, bei der zweiten steht kein entsprechender Hinweis. Ich lasse es trotzdem, teste aber die wirklich angenehme Temperatur des Wassers. Wir werden heute nicht mehr viel machen, Ausruhen ist angesagt, und natürlich etwas essen.

Das Restaurant Roquiño befindet sich wie schon gestern direkt gegenüber unserer Unterkunft und steht erst ab 20 Uhr zur Verfügung. Heute Abend bestellen wir je einen Ensalda Mixta, einen Ensalda con Queso fresco y Frutos secos sowie Zorza (gemischter Salat, Salat mit Frischkäse und Trockenfrüchten sowie galizisches Schweinefleisch in Paprikasoße). Passend zum heutigen Tag gönne ich mir auch einmal einen Vino Tinto. Als Dessert gibt es noch Flan. War wieder sehr lecker und ausreichend. Anschließend drehen wir noch eine Runde um den Block und können noch einen Blick in die Igrexa de Santo Tomas werfen, die von Palmen umgeben ist. Danach schlendern wir noch zu den heißen Quellen und treffen dort den uns schon bekannten Koblenz-Kenner aus Spanien wieder. Er will uns noch etwas dazu sagen, mittels eines Übersetzers klappt es dann. Gegen halb zehn sind wir bettfein, morgen geht es nach Padrón.

 

Zurück in die Vergangenheit

Sonntag, 29. August 2021: 5. Etappe von Caldas de Reyes nach Padrón (18,2 km)

Auch heute war es eine eher durchwachsene Nacht. Das lag weniger an der Geräuschkulisse, sondern an der Beschaffenheit des Bettes. Jedes Mal, wenn ich mich umdrehte, spürte Susanne diese Bewegung und wachte wohl dadurch mehrmals auf. Einmal wurde ich auch wach und erwischte Susanne, als sie nach der Transportmöglichkeit für ihren Rucksack suchte. Für heute ist es bereits zu spät, aber für die lange Etappe am letzten Pilgertag reicht es noch. Gegen 6 Uhr ist die Nachtruhe dann endgültig vorbei und wir machen uns langsam fertig. Dabei lassen wir uns wie in den vergangenen Tagen sehr viel Zeit. Erst um 7:40 Uhr treten wir aus dem Haus auf die Straße.

Der Ruckssacktransport durch die spanische Post ist übrigens für den nächsten Tag bestellt und kostet lediglich 6 Euro. Dafür belastet Susanne morgen ihr Füße nicht mit dem Gewicht. Ich habe inzwischen für meinen Rucksack die richtigen Einstellungen gefunden. Bei meinen letzten Touren - auch auf der Via Lemovicensis - hatte ich immer das Gefühl, er sitzt nicht richtig auf dem Beckenknochen und schmerzt an der linken Schulter. Viele Pilger sind noch nicht auf den Beinen und es herrscht eine seltsame Stille. Erst nach einer Weile sind Vögel zu hören und in der Nähe rauscht ein Bach. Die ersten Geräusche von Trekking-Stöcken nähern sich von hinten und vereinzelt sitzen Pilger am Rand und pausieren. Es geht leicht aufwärts bis nach O Cruzeiro, der ersten Ortschaft hinter Caldas de Reyes. Hier machen wir wie geplant in der Bar Esperon unsere Frühstückspause mit der üblichen Bestellung.

Es dauert etwas länger, denn nicht nur wir hatten diese Idee. Alle Tische sind belegt. Für die Wartezeit entschädigen die Boccadillos, sie sind riesig. 2015 war ich mit Jörg auch hier. Damals wurde jeder Pilger aufgefordert, sich an der Wand eines Nebenraumes mit seiner Unterschrift zu verewigen. Das hatten wir auch gemacht, und zwar als so ziemlich die ersten, die dazu die Decke genutzt hatten. Ich bin neugierig und werfe einen Blick zu der besagten Stelle, und siehe da, unser Eintrag vom 24.06.2015 existiert immer noch, allerdings inzwischen umrahmt von unzähligen anderen Namenszügen und Datumsangaben.

Nach einer guten Dreiviertelstunde packen wir unsere Sachen zusammen. Inzwischen ist auch der Krachmacher von gestern eingetroffen. Nur schnell weg und vor ihm auf der Piste sein. Wir spüren sofort, dass mittlerweile wesentlich mehr auf dem Camino los ist. Rund um die Bar sitzen Pilger auch am Straßenrand und pausieren. Nur kurze Zeit später erklingt hinter uns laute Musik, unser Camino-DJ ist im Anflug. Ja, er hat wirklich ein hohes Tempo drauf und ist bald schon weit vor uns. Da haben wir ja noch einmal Glück gehabt. Denkste, an der nächsten Ecke hat er wieder etwas entdeckt und zückt die Kamera. Es folgt eine weitere Bar und der DJ läuft zielstrebig darauf zu. Und weg ist er für heute.

Dafür befinden wir uns jetzt mittendrin, und zwar in einer aus mehreren Grüppchen zusammengewürfelten Formation, inklusive zwei Hunden. Wir laufen auf einem welligen Kurs und die 20er-Gruppe mischt sich ständig durch. Wir, außer uns alles Spanier, bleiben ein paar Kilometer zusammen und verlieren uns erst an der dritten Bar des Tages. Da sind wir nämlich wieder nur noch zu zweit und haben beide ein Eis in der Hand. Die letzten Kilometer bis Padrón vergehen sehr schnell, es ist auch ein recht flaches Stück Weg. Gegen 13 Uhr treffen wir in Padrón in der Pension Flavia ein. Unser Zimmer liegt wieder im vierten Stock und wir haben vom Fenster aus eine schöne Aussicht auf den gerade stattfindenden Markt sowie im Hintergrund das Convento de Carmen. Duschen, waschen, Marktbesuch, das ist jetzt das Programm.

Zuerst laufen wir über den Markt, der sich teilweise schon im Abbau befindet. Danach drehen wir eine Runde durch Padrón und können gerade noch die Igreja de Santiago besuchen. Das war mir bei meinen ersten beiden Besuchen hier nicht vergönnt. Einen schönen Stempel gibt es obendrauf. Besonderheit der Kirche: hinter dem Altar wird der Stein aufbewahrt, an dem bei der Translatio des Jakobus das Boot mit dessen Leichnam festge-macht haben soll. Danach gehen wir in Richtung öffentliche Herberge und zum Convento do Carmen, von dem man ebenfalls einen schönen Ausblick auf Padrón hat.

Etwas weiter oberhalb liegt der Ort, an dem Jakobus zum ersten Mal auf der iberischen Halbinsel gepredigt haben soll. Um dort hoch zu gelangen, muss man sich auf die Wallfahrt zum Santiaguiño do Monte begeben und das sind 114 Stufen aufwärts. Hier war ich 2015 mitten in der Nacht, weil ich vor lauter Schnarcherei nicht zur Ruhe kam. Zum Abschluss belohnen wir uns noch im Kult-Café Don Pepe II mit Kaffee, O-Saft und Kuchen. Ein Besuch bei Pepe ist obligatorisch. Seine Geschäftsräume sind vollgestopft mit Andenken von Pilgern aus der ganzen Welt. Zurück in der Unterkunft kläre ich noch ab, wo Susanne den Rucksack morgen deponieren muss. Das mache ich mir einfach und nutze die Übersetzer-App, die mir unser deutscher Landsmann in Pontevedra empfohlen hat. Klappt gut damit.

Bevor wir uns zum Abendessen in die Stadt aufmachen, baue ich eine Konstruktion aus Wäscheleine, zwei Türknaufe eines Wandschrankes und der Verankerung des Fernsehers. Ich brauche ein paar Versuche, doch dann hängen vier Kleiderbügel mit bereits ausgetropften Kleidungsstücken vor dem geöffneten Fenster. Hoffentlich sind die morgen früh trocken.

Wir lassen uns dann in der Stadt in der Taberna Tipica O Paraiso nieder und bekommen ein gut durch gebratenes Stück Beef und eine Tortilla. Letztere kommt aber erst, als ich meinen Teller schon leer habe. Wie sagt Susanne doch so passend: „Weiß man hier, dass man in Deutschland zusammen isst?“ Aber lecker ist es trotzdem. Auf dem Heimweg treffen wir noch die drei Brüder aus Kaiserslautern, die zwei große Pizzen verdrücken. Ihre Mutter wollte lieber in der Unterkunft bleiben. Sie fliegen schon am Dienstag wieder nach Hause. Sie haben sich heute die Pedronia abgeholt, eine Pilgerurkunde, die man in der öffentlichen Herberge von Padrón bekommen kann. Das war mir auch neu. Wir quatschen noch etwas und verabschieden uns von den Dreien. Morgen haben wir den längsten Tag vor uns, aber es geht zum Ziel unserer Pilgerschaft, nach Santiago de Compostela.

 

Santiago de Compostela 1-5

Montag, 30. August 2021: 6. Etappe von Padrón nach Santiago de Compostela (26,5 km)

4:30 Uhr: wir wachen beide auf, sind uns aber sofort einig, dass dies noch keine Uhrzeit ist, um die letzte Etappe vorzubereiten. Also noch einmal umdrehen und die Augen zumachen. 

6:00 Uhr: Der Wecker macht sich bemerkbar und wir stehen ohne zu murren auf. Kurz ins Bad, anziehen, Sachen in den Rucksack verstauen, Sonnenmilch und Hirschtalg auftragen, Zähne putzen, alle restlichen Utensilien verpacken, Socken und Schuhe an, Rucksack auf den Rücken und noch einmal kontrollieren, ob auch nichts vergessen wurde. Susannes Rucksack und auch den Zimmerschlüssel hinterlegen wir an der noch nicht besetzten Rezeption. Wie schon gestern geschrieben, wird Susanne heute nur mit leichtem Tagesrucksack mit dem Allernötigsten unterwegs sein. Der Rucksack wird gegen 8 Uhr abgeholt und in unser Hotel nach Santiago de Compostela gebracht. 

6:59 Uhr: Es geht los, die finale Etappe unserer diesjährigen Pilgerwanderung im Heiligen Jahr beginnt. Es ist noch stockdunkel und kühl, die Straßenbeleuchtung reicht aber völlig aus, um den richtigen Weg zu finden. Wir sind natürlich nicht die einzigen, die schon auf den Beinen sind. Als wir bei Pepe vorbeikommen, wird jeder Pilger von ihm mit einem herzlichen „Buen Camino“ auf die Reise geschickt. Zunächst geht es durch ein Wohngebiet und an der Igreja Colegiada de Santa Maria de Iria Flava vorbei, dem mittelalterlichen Bischofssitz. Danach müssen wir mit einer stark befahrenen Nationalstraße vorlieb nehmen, bevor es in ein verwinkeltes Dorf und die Natur geht. 

8:30 Uhr: Wir erreichen die Igreja Santuario de la Escravitude, die ich jetzt zum ersten Mal geöffnet vorfinde. Von außen sieht die Kirche verfallen aus, innen ist sie allerdings ein Schmuckstück. Und einen ersten Stempel für heute gibt es als Zugabe noch dazu. Es wechseln sich nun kleine Dörfer, Weinlauben und schmale Straßen ab. Wir kommen trotz der Blessuren von Susanne richtig gut voran. 

9:21 Uhr: In Picaraña machen wir nach knapp 10 Kilometern eine ausgiebige Pause und nehmen unser Frühstück ein, das heute aus einem Brötchen mit Tortilla belegt und einem Schinken-Boccadillo besteht. Nach einer guten halben Stunde sind wir wieder auf dem Camino. Auch unser DJ ist inzwischen aufgetaucht, verhält sich hier aber relativ ruhig. In der Folge wurde die Wegführung verändert. Statt an der Nationalstraße entlangzulaufen, geht es nun durch Wald, an einem Tierheim vorbei und über das grobe Pflaster der alten Römerstraße. Inzwischen sind auch wieder mehr Pilger auf der Strecke, von denen einige merklich unrund gehen. Die meisten sind wieder einmal Spanier, aber wir überholen zur Abwechslung auch eine Mutter und ihre kleine Tochter, die anscheinend aus Dänemark stammen. 

11:28 Uhr: Die Wegstrecke scheint erneut etwas verändert, ich vermisse das bekannte Sägewerk und dahinter einen Erfrischungsstand am Ende des Waldes. Dafür blinzeln mich am Horizont bereits die Spitzen der Kathedraltürme an. Trotzdem sind es noch rund 7 Kilometer bis dahin. Wir laufen durch die Vororte von Santiago, überqueren die Bahnstrecke und passieren einen Ambulanzwagen. Hoffentlich wartet der nicht auf einen Pilger. Hier in der Nähe war damals eine kleine Bar, in der man sich kurz vor dem Ziel noch einmal eine Pause gönnen konnte - leider geschlossenen, ob für immer lässt sich nicht feststellen.

12:05 Uhr: Wir kommen an zwei Monolithen, die in unterschiedliche Richtungen den Weg ins Zentrum anzeigen. Wir entscheiden uns für den Weg über Conxo, den ich noch nicht kenne. Außerdem gibt es an der Wegeteilung einen Hinweis auf eine Bar - ich könnte jetzt etwas Flüssigkeit mit Geschmack gebrauchen. Der andere Weg führt bald entlang einer stark befahrenen Hauptstraße ins Zentrum, die mir noch nie gefallen hat. Unsere Variante ist da etwas ruhiger und bringt uns noch an der Igreja da Nosa Senora da Mercé de Conxo vorbei, die aus zwei Hauptschiffen im 90-Grad-Winkel besteht und sehr sehenswert ist. Schon bald befinden wir uns in einer belebten Einkaufsstraße und lassen den modernen Teil von Santiago hinter uns.

13:00 Uhr: Nach der Überquerung der Straße befinden wir uns in der Altstadt. Die Gassen sind eng, aber beileibe nicht so überfüllt, wie ich es hier bereits erlebt habe. Wir bahnen uns den Weg durch Pilger, Touristen und Studenten. Alles kommt mir so vertraut vor, als wäre ich erst gestern hier gewesen.

13:06 Uhr: Hand in Hand betreten Susanne und ich den Praza de Obradoiro vor der Kathedrale, die in einem lange nicht mehr dagewesenen Glanz erstrahlt. Ich bin gerührt, wieder hier zu sein und die Augen werden ein wenig feucht. Susanne erreicht  diesen Platz erstmals, ich darf schon zum fünften Mal hier sein. Es ist ein Geschenk, in einem Heiligen Jahr Santiago de Compostela zu erreichen. Vor ein paar Monaten hätte ich mir das nicht vorstellen können. Ein großes Kompliment an Susanne, die diese letzte Etappe so toll durchgezogen hat, obwohl auch bei ihr nicht alles rund lief. Nach dem obligatorischen Foto vor der Kathedrale und einer großen Anzahl weiterer angekommener Pilger im Hintergrund suchen wir uns einen Platz am Rande und lassen uns dort nieder.

13:15 Uhr: Ich gehe auf gut Glück zum Pilgerbüro, um zu prüfen, ob wir heute noch unsere Compostela (= Pilgerurkunde) erhalten können. Seit einiger Zeit muss man seine Daten bereits vorher online eingeben und sich dann vor Ort eine Nummer mit einem QR-Code geben lassen. Damit kann man im Netz feststellen, wie viele Pilger vor einem dran sind. Ich erhalte die Nummern 1024 und 1025, gerade wird die Nummer 425 bearbeitet. Das Pilgerbüro hat bis 18 Uhr geöffnet, das könnte heute sogar noch klappen.

13:43 Uhr: Wir machen uns auf den Weg zu unserem Hotel, das nur 400 Meter von der Kathedrale entfernt liegt. Wir finden das Haus schnell, checken ein und freuen uns über unsere Bleibe für die kommenden drei Nächte. Nach dem Duschen besorge ich schon mal Getränke und neues Blasenpflaster. Nach meiner Rückkehr hat Susanne einen Waschsalon im Visier, damit alle genutzten Kleidungsstücke noch einmal richtig gewaschen werden können.

16:50 Uhr: Mir wird angezeigt, dass nur noch 65 Pilger vor uns in der Warteschleife für die Ausstellung der Compostela sind. Anziehen und ab zum Pilgerbüro. Dort lassen wir uns noch eine Weile im Garten nieder und warten auf den Aufruf unseres 20er-Nummernblocks. Nur eine Dreiviertelstunde später halten wir unsere Pilgerurkunde in den Händen. Gerne hätten wir noch an dem spirituellen Rundgang um die Kathedrale teilgenommen, die von der deutschen Pilgerseelsorge angeboten wird. Leider war nur eine französische Gruppe am Treffpunkt. Also wieder zurück zur Unterkunft, dabei haben wir uns noch die Capilla de San Roque angeschaut. Ach übrigens, zu Abend haben wir heute ganz untypisch in einem italienischen Restaurant unter den berühmten Arkaden in der Innenstadt gegessen. War super lecker. 

 

Kulturprogramm Teil 1 

Dienstag, 31. August 2021: Santiago de Compostela

Gut und tief geschlafen nach der gestrigen längsten Etappe unseres Camino Portugues. Wir sind erst gegen halb acht Uhr aufgewacht und beginnen in Ruhe den Tag. Heute wollen wir in die Pilgermesse um 9:30 Uhr. Da die Erfahrung der letzten Jahre gezeigt hat, rechtzeitig in der Kathedrale zu sein, gehen wir auch schon bald dorthin. In Erwartung einer langen Schlange vor dem Eingang am Nordportal gibt es allerdings eine Überraschung: keine Schlange, kaum Leute und direkter Zugang in die Kirche. Wir sind so früh da, dass wir in der fünften Reihe einen guten Platz finden. Die Besucher sitzen außerdem mit höchsten zwei bis drei Personen in den neuen Bänken.

Das Innere der Kathedrale glänzt nach der Renovierung. Na gut, das tat sie aufgrund der vielen Gold- und Silbertöne vorher auch schon, aber man bemerkt schon einen gewissen Unterschied. Einen Unterschied zu den mir bekannten Pilgermessen erkenne ich aber auch schon recht bald. Es konzelebrieren lediglich zwei Geistliche, keine singende Nonne und damit auch kein Gemeindegesang und kein Botafumero. Und nach 35 Minuten ist die Messe auch schon wieder vorbei.

Da wir bisher noch kein Frühstück hatten, suchen wir uns jetzt eine Gelegenheit. Das dauert unendlich lange, schließlich finden wir ein hübsch gestaltetes Café mit reichlich feien Plätzen. Es gibt Café con Leche und zwei Scheiben Toast sowie Orangensaft. Das sollte für´s erste reichen und den Hunger stillen. Anschließend bummeln wir noch etwas durch die mit Arkaden gesäumten Straßen und gehen in das Kathedralmuseum. Leider besteht heute keine Möglichkeit mehr, den gerade sanierten Portico de Gloria zu besichtigen, da hätten wir schon vor einigen Tagen ein Ticket online kaufen müssen. Dafür können wir uns mit dem selben Ticket auch den Bischofspalast anschauen.

Nach dem Museumsbesuch setzen wir uns noch etwas an den Rand des Praza de Obradoiro und beobachten ankommende Pilger. Darunter befinden sich auch Eva und Bernd aus dem Sauerland, die wir jetzt zum dritten Mal treffen. Die beiden werden noch den Camino de Fisterra dranhängen. Eigentlich wollte ich nach einem schönen Souvenir Ausschau halten, aber es gibt auf den ersten Blick all die Sachen, die es 2018 bei meinem letzten Aufenthalt in Santiago auch schon gab, keine neuen Artikel für Wiederholungstäter. Meine Muschel habe ich ja schon vor ein paar Tagen in O Porriño und eine weitere in Cesantes bekommen. Bleibt vorerst nur eine kleine Magnetkeramik mit Jahreszahl, von der ich schon die anderen Jahre besitze, als ich in Santiago war. Wir gönnen uns noch auf dem Weg zum Hotel ein Eis und legen eine kleine Pause ein. Auch das Schlendern durch die Stadt strengt an.

Für 16 Uhr hat die deutsche Pilgerseelsorge zum Pilgertreffen mit einem Impuls zur Heiligen Pforte eingeladen. Daran nehmen wir teil, Treffpunkt ist in Sichtweite der Heiligen Pforte. Außer Susanne und mir gesellen sich Vater und Tochter aus der Nähe von Ingolstadt dazu, die in diesem Jahr auf dem Camino Frances ab Léon unterwegs waren. Außerdem kommt noch Josef mit seiner Frau dazu. Ihn kenne ich bereits, da er in den vergangenen Jahren dem Team der Pilgerseelsorge angehörte. Die beiden sind heute mit dem Fahrrad angekommen, gestartet sind sie im Elsass. Nach einer kurzen Vorstellung erzählt jeder von seinen Erfahrungen, was war gut, was weniger, wie war das Ankommen. Es ist eine schöne Gesprächsrunde unmittelbar neben der Heiligen Pforte. Den Abschluss bildet ein kurzer Impuls zum Nachdenken über eine Tür oder Pforte. An dieser Stelle ein herzlicher Dank an die Pilgerseelsorge, es ist gut, dass es dieses Angebot gibt.

Bevor wir wieder in Richtung Hotel gehen, wollen wir noch einmal zum Praza de Obradoiro vor der Kathedrale. Es macht so viel Freude, den ankommenden Pilgern und ihren so verschiedenen Reaktionen zuzusehen. Zum Abschluss machen wir noch ein schönes Foto, kommen dabei mit ein paar älteren Pilgern aus der Würzburger Ecke ins Gespräch. Die haben vor 13 Jahren begonnen, in Abschnitten nach Santiago zu pilgern, kannten sich teilweise gar nicht und sind inzwischen zu einer tollen Gruppe geworden. Eine Pilgerin hat sogar ein paar Jahre in unserem Koblenzer Stadtteil gewohnt.

Um kurz nach 18 Uhr sitzen wir direkt neben dem Hotel in einem Restaurant. Es ist klein, aber hübsch und bietet ein Menü für kleines Geld an. Da gerade pünktlich, wie angekündigt, ein Gewitter mit Regen über Santiago hinwegzieht, setzen wir uns lieber rein an ein offenes Fenster. Schon bald kommt das Essen, Caldo Gallego, Cous Cous und Chicken Curry. Schmeckt alles so was von lecker und wir kommen uns hier wirklich willkommen vor. Da überlegen wir nicht lange, morgen werden wir hier noch einmal zu Abend essen. Als „Gegenleistung“ für das Trinkgeld zaubert die Wirtin aus einem dicken Buch ein getrocknetes vierblättriges Kleeblatt hervor und schenkt es mir.

Da unsere Getränkevorräte allmählich weniger werden, gehe ich noch einmal zu einem Supermarkt. Auf dem Rückweg zum Hotel werde ich zweimal von einem kurzen Schauer überrascht. Zum Glück befinde ich mich beide Male in der Nähe von geöffneten Kirchen: der Igrexa de Santa Maria Salomé (der einzigen Kirche in Spanien, die der Mutter von Jakobus geweiht ist) und der Igrexa de San Bieito do Campo. Dann habe auch ich genug für heute. Mal gespannt, was der morgige Tag für uns vorgesehen hat.

 

Kulturprogramm Teil 2

Mittwoch, 1. September 2021: Santiago de Compostela

Wir beginnen den Tag mit der Teilnahme am Gottesdienst der deutschen Pilgerseelsorge in der Igrexa San Fiz de Solovio. Diese stammt noch aus der Zeit des ersten Kathedralbaues im 12. Jahrhundert und ist damit eine der ältesten Kirchen in Santiago. Eine Vorgängerkirche existierte bereits im 10. Jahrhundert. Die Überlieferung besagt, dass der Einsiedler Pelayo hier betete, als er die Sternenlichter sah, die auf die Stelle des Grabes des Apostels Jakobus hinwiesen. Am Gottesdienst nehmen außer uns noch drei Österreicher aus der Nähe von Innsbruck teil. Der Gottesdienst wird von dem jungen Pfarrer in einer sehr ansprechenden Art gehalten und ich darf die Lesung vortragen. Im Anschluss bekommt jeder noch einen persönlichen Segen erteilt.

Nach dem Frühstück in unserem Hotel beginnen wir mit einer weiteren Besichtigungstour. Zunächst besuchen wir das Museo das Peregrinacion e de Santiago, das kostenfrei ist. Dort werden mittels interessanter Exponate die Entstehung der Jakobuspilger-schaft und die Entwicklung der Stadt Santiago dargestellt. Es gibt unzählige Jakobus-Skulpturen, Gemälde und Kultgegenstände aus verschiedensten Epochen zu sehen, aber auch Artefakte aus den einzelnen Phasen der Stadt und der Kathedrale. Die entsprechenden Erklärungen gibt es auch in englischer Sprache, sodass das meiste für uns verständlich ist. Vom obersten Geschoß des Museums hat man einen Ausblick auf das Dach der Kathedrale, das man wie den Torre de la Carracas, den Nordturm, übrigens auch besteigen kann. Die Dachbesteigung werde ich mir für das nächste Mal vormerken.

Danach gehen wir weiter zum Monasterio San Martin Pinario. Das Benediktinerkloster entstand um das Jahr 900 und wuchs im Laufe der Zeit sehr stark an, bis es das größte und reichste Kloster in Galicien war. Von der damaligen Kirche blieb nichts mehr bestehen. Das heute zu sehende Gotteshaus mit seinem prächtigem Barockaltar und dem imposanten Chorgestühl versetzt den Betrachter ins Staunen. Neben der Kirche kann man die sehr große Sakristei, die Druckerei, die Reliquienkapelle oder die Apotheke anschauen. Heute dient das Klostergebäude noch als Priesterseminar und in ihr sitzt u.a. die theologische Fakultät der Universität von Santiago. Einen besonderen Blick auf den Hauptaltar bietet die hoch oben eingebaute Empore mit einem weiteren kompletten Chorgestühl. Und nebenan befindet sich ein empfehlenswertes Hotel mit Pilgerherberge, in dem zu normalen Zeiten jeder für ein paar Euro ein Frühstück einnehmen kann. Dieses Angebot habe ich in der Vergangenheit immer genutzt. Aktuell sind die Abstände der Sitzplätze vergrößert worden und die Hotelgäste haben Vorrang. Bei freier Kapazität verbunden mit einer eventuellen Wartezeit sind externe Gäste aber weiterhin willkommen. Das wollten wir beide aber nicht riskieren.

Damit soll es auch mit dem Besichtigungsprogramm gut gewesen sein. Wir gehen nochmals auf den Praza de Obradoiro und beobachten noch eine Weile ankommende Pilger. Am meisten erfreuen wir uns, wenn große Gruppen auf den Platz einziehen, zum Teil mit Gesang. Dann wird von den bereits anwesenden Pilgern auf dem Platz ein kräftiger Applaus gespendet. Heute hat sich das Aussehen des Platzes leicht verändert, denn hier wird gerade einiges aufgebaut. Am Sonntag endet auf dem Platz die diesjährige Vuelta, die Spanien-Rundfahrt für Radprofis, mit einem Einzelzeitfahren mit Start in Padrón. Da werden die ankommenden Pilger an diesem Tag in den Hintergrund geraten. Um 15:15 Uhr beginnt es leicht zu tröpfeln und wir verziehen uns in Richtung Hotel.

Irgendwie waren die letzten Tage doch in gewisser Weise anstrengend, denn es folgt ein kurzer Nachmittagsschlaf. Wir machen uns dann aber noch einmal auf den Weg zur Kathedrale, um an dem spirituellen Rundgang der deutschen Pilgerseelsorge teilzunehmen. Früher wurde tatsächlich um die Kathedrale herumgegangen, doch inzwischen haben sich Touristenführer darüber massiv beschwert. Deshalb geht man mit der Gruppe in den Kreuzgang, der sonst nur über das Museum erreichbar ist. Wir sind heute zu zehnt und erhalten interessante Aspekte zu den Portalen und den dort vorhandenen Figuren. Nach einer guten Stunde verabschieden wir uns mit einem herzlichen Dank und kehren zur Unterkunft zurück. Wir wechseln aber direkt wieder in das Restaurant nebenan ein, in dem wir schon gestern waren. Dort fühlen wir uns wohl und es herrscht eine sehr gastfreundliche Atmosphäre. Dieses Mal bekommt Susanne beim Bezahlen sogar ein fünfblättriges Kleeblatt aus dem Buch hervorgezaubert. Beim nächsten Santiago-Besuch steht jetzt schon fest, wo am Abend gegessen wird.

 

Wieder zu Hause

Donnerstag, 2. September 2021: Santiago de Compostela - Frankfurt - Koblenz

Heute Nacht ging es richtig zur Sache. Bis 3 Uhr wurde in unserer Straße gefeiert. Das war anscheinend selbst einem Einwohner zu viel, der anscheinend dafür gesorgt hat, dass endlich Ruhe einkehrte. Der heutige Tag ist ziemlich durchgeplant. Um 7 Uhr stehen wir auf und machen uns fertig. Frühstück gibt es um 8 Uhr, danach packen wir alles zusammen und machen noch einmal die Beine lang. Gegen 9:20 Uhr verlassen wir das Hotel und gehen mit geschulterten Rucksäcken zur nahe gelegenen Bushaltestelle, um zum Flughafen zu fahren. Wir sind so zeitig da, dass wir sogar schon einen Bus früher als geplant nehmen können. Das Busticket kostet nur 1 Euro pro Person, die Fahrt dauert eine gute halbe Stunde. Das nenne ich attraktiven Nahverkehr. Im Bus werden wir von einer jungen Frau angesprochen, die aus Berlin stammt. Sie ist den Camino Portugues da Costa gelaufen, es war ihr erster Jakobsweg. Durch die Unterhaltung merken wir gar nicht wie die Zeit rumgeht.

Am Flughafen sind wir natürlich jetzt auch viel zu früh, aber man weiß ja nie, ob etwas dazwischenkommt. Auf meine Nachfrage am Schalter dauert es bis zum Check-In noch eine ganze Stunde, bis unser Flug aufgerufen wird. Als wir unsere verpackten Rucksäcke abgeben können, werden wir tatsächlich zum ersten Mal nach einem Impfnachweis gefragt. Die Wartezeit bis zum Boarding vergeht eigentlich recht kurzweilig. Gegen 14 Uhr hebt die A320-200 in Richtung Madrid ab und landet dort nach einer Stunde Flugzeit. In Madrid haben wir jetzt noch eine weitere Stunde bis zum Boarding unseres Weiterfluges nach Frankfurt. Dazu müssen wir allerdings noch zum Terminal 4S. Gemäß der Anzeige auf den Hinweistafeln dauert der Weg dorthin vierzehn Minuten inklusive einer U-Bahn-Fahrt. Leider gibt es in der Nähe des Gates keine Möglichkeit, etwas Essbares zu kaufen. Wir können lediglich auf das Angebot eines Automaten zurückgreifen - aber besser als gar nichts zwischen die Zähne zu bekommen. Das Boarding beginnt pünktlich, es wird aber wohl noch auf Passagiere von anderen Flügen gewartet, sodass der Abflug sich mit 16:50 Uhr ein wenig verzögert. Erstmals sitzen wir bei einer Flugreise in einer Bombardier CRJ700, die nicht ganz ausgebucht ist. Deren Triebwerke befinden sich am Heck. Und unsere Sitzplätze sind in der letzten Reihe - es ist dementsprechend etwas lauter während des Fluges. Also: Augen auf beim nächsten Flug und nicht mehr in der Nähe der Triebwerke sitzen.

Nach der Landung in Frankfurt um 18:55 Uhr erwartet uns in Deutschland eine neue Herausforderung. Durch den erneuten Streik der Lokführergewerkschaft fällt der von uns vorgesehene und gebuchte Zug nach Montabaur aus. Wir hoffen, mit dem gleichen Ticket mit einem anderen Zug nach Koblenz fahren zu können. Das ist auch tatsächlich möglich. Im Reisezentrum bekommen wir eine neue Verbindung mit Umstieg in Ingelheim und einen entsprechenden Vermerk auf das Ticket. Ich staune, solch einen freundlichen Service kennt man hier ja kaum. Um halb elf Uhr betreten wir wieder unsere Wohnung. Ein langer Tag geht zu Ende.

Fazit zum diesjährigen Camino Portugues:
+ es war toll, einmal mit Susanne unterwegs zu sein und ihr live zu zeigen, wovon ich sonst nur erzählt habe
+ ich würde mich freuen, wenn wir das noch einmal wiederholen könnten, dann würden wir allerdings für sie den Gepäcktransport in Anspruch nehmen
+ COVID hat den Camino verändert, sowohl auf dem Weg als auch in Santiago; hier sind insbesondere die veränderten For-men der Pilgergottesdienste zu nennen
+ sehr viele Spanier waren unterwegs, dafür aber nur wenige Menschen aus anderen Ländern