Camino Francés 2026 - Woche 1
| Datum | Strecke | Länge | Gesamtlänge | |
| 1. | 18.05.2026 | Cizur Menor - Uterga | 13 km | 13 km |
| 2. | 19.05.2026 | Uterga - Cirauqui | 18 km | 31 km |
| 3. | 20.05.2026 | Cirauqui - Azqueta | 22 km | 53 km |
| 4. | 21.05.2026 | Azqueta - Torres del Rio | 22 km | 75 km |
| 5. | 22.05.2026 | Torres del Rio - Logrono | 21 km | 96 km |
| 6. | 23.05.2026 | Logrono - Nájera | 30 km | 126 km |
| 7. | 24.05.2026 | Nájera - Santo Domingo de la Calzada | 22 km | 148 km |
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Und jährlich grüßt das Murmeltier
Sonntag, 17. Mai 2026: Koblenz - Frankfurt
Heute ist der Tag der Vorbereitung gekommen. Susanne verabschiedet sich am Morgen von mir, sie macht eine Woche Urlaub mit ihrer Mutter in Süddeutschland. Meine Ausrüstung hatte ich in den vergangenen Tagen schon bereitgelegt. Am Mittag wird alles ordentlich im Rucksack verstaut. Die Kofferwaage zeigt ein Gewicht von genau 9 Kilogramm an. Das passt. Im Vergleich zu den letzten Jahren habe ich aufgrund der um drei Wochen längeren Dauer etwas mehr eingepackt.
Nun heißt es warten, bis ich mit meiner schon im Februar gebuchten Zugverbindung zum Frankfurter Flughafen fahre. Schon vor ein paar Tagen machte mich die DB darauf aufmerksam, dass die ursprüngliche Fahrtroute direkt zum Fernbahnhof so nicht stattfinden würde und hob die Zugbindung für mein Ticket auf. Ersatzweise geht es erst zum Frankfurter Hauptbahnhof und dann von dort zum Flughafen. DACHTE ICH BIS KURZ VOR 18:00 UHR. Wie schon im vergangenen September für die Anreise zum Camino Portugues ab Frankfurt fällt der von mir ausgesuchte Zug um 00:49 Uhr aus. Eine Benachrichtigung dazu gibt es bisher natürlich nicht. Vielen Dank Deutsche Bahn, ich bin total begeistert. Jetzt heißt es eine Ersatzverbindung zur Ersatzverbindung zu finden, denn der Flieger wartet nicht auf mich. Ergebnis: ich muss jetzt um 21:59 Uhr - also knapp drei Stunden früher als vorgesehen - in Koblenz in einen Zug einsteigen, damit ich den größten deutschen Flughafen über den Umweg Frankfurt Hauptbahnhof erreichen kann.
Ich verlasse also die Wohnung um viertel nach neun und marschiere mit dem Rucksack auf dem Rücken die 2 Kilometer abwärts zum Koblenzer Hauptbahnhof. Auch dieser IC2242 hat Verspätung - es sind nur 16 Minuten - und das Bordbistro ist zudem auch noch geschlossen. Die DB teilt mir in diesem Augenblick per App mit, dass die Fahrt gemäß Plan so nicht durchführbar sei. Klar, vier Minuten Umsteigzeit für die S-Bahn am Frankfurter Hauptbahnhof wird kaum funktionieren. Die S-Bahn fährt aber zum Glück alle halbe Stunde. Zu guter Letzt wird in Koblenz nebenbei noch kurzfristig das Abfahrtsgleis geändert. Dafür steige ich jetzt mit der angekündigten Verspätung in einen als IC „getarnten“ ICE ein und lehne mich entspannt zurück bis Frankfurt.
Inzwischen wurde auch dort am Zielbahnhof das Gleis geändert - anstatt auf 1 fahren wir auf 23 ein. Das wiederum kommt mir jetzt entgegen, da die S8 zum Flughafen ab Gleis 21 abfährt – also direkt nebenan. Die fünf Minuten Umsteigzeit - aus denen mittlerweile sogar zehn wurden - sollten bei der verkürzten Entfernung zwischen den Bahnsteigen ausreichend sein. Bequem wechsele ich den Bahnsteig und warte dort auf die S-Bahn, sodass ich noch vor Mitternacht den Regionalbahnhof am Frankfurter Flughafen erreichen werde. Bei einer Fahrscheinkontrolle fällt dem Kontrolleur auf, dass mein Ticket eigentlich erst m nächsten Tag gültig ist. Zum Glück glaubt man meiner Erläuterung zu den entstandenen Umständen und ich kann die paar Minuten bis zum Flughafen ein wenig runterkommen.
Am Flughafen muss ich nach dem Aufstieg über eine sehr steile Rolltreppe feststellen, dass die SkyLine zum Terminal 2 außer Betrieb ist. Also wieder nach unten fahren und den Shuttlebus suchen. Um 00:30 Uhr erreiche ich endlich das Terminal 2. Na ja, Teil 1 der Anreise zum Camino Frances ist damit erledigt. Jetzt suche ich mir ein ruhiges Plätzchen und umhülle meinen Rucksack mit Frischhaltefolie. Das gelingt mir recht gut, nach einer Viertelstunde ist das Werk vollbracht und ich kann mich ein wenig mit den kommenden Abläufen des Tages beschäftigen. Vor allem muss ich aufpassen, dass ich nicht einschlafe und meine Ausrüstung aus den Augen verliere.
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Wo sich der Sternenweg mit dem Weg des Windes kreuzt
Montag, 18. Mai 2026: Frankfurt - Pamplona und Cizur Menor - Uterga (12,7 km)
Irgendwie habe ich die letzten vier Stunden in der CheckIn-Zone 26 im Terminal 2 des Frankfurter Flughafens herumbekommen. Allmählich kehrt auch wieder Leben in die riesigen Hallen ein. Gegen halb fünf trifft Jörg ein und wir sehen zu, unsere wie Kokons aussehenden, mit Frischhaltefolie ummantelten Rucksäcke abzugeben.
Wir gehen direkt durch die Sicherheitskontrolle und müssen erstaunt feststellen, was einige Leute hier noch im Handgepäck mitführen. Das reicht von Parfümflacons, Tuben Flaschen in allen Größen – vor allem in unerlaubten. Bei uns gibt es nichts zu beanstanden und wir begeben uns zum angezeigten Gate, wo uns nicht mehr viel Zeit bis zum Boarding bleibt. Vom Bodenpersonal werden wir gefragt, ob wir unsere Sitzplätze tauschen wollen. Ein älteres Paar aus Argentinien hat zwei Plätze am Notausgang gebucht, aber sie dürfen diese nicht behalten, weil sie im Notfall den Anweisungen des Kabinenpersonals nicht folgen können. Da sagen wir doch nicht nein und genießen die Beinfreiheit in Reihe 17. Unser Flieger, eine Bombardier CRJ1000, verlässt pünktlich seinen Abstellplatz auf dem Vorfeld, macht aber dann noch eine Rundfahrt um das Rollfeld. Um 6:45 Uhr heben wir ab in Richtung Madrid, das wir nach einem ruhigen Flug um 8:45 Uhr erreichen. Bis zum Weiterflug nach Pamplona haben wir jetzt über drei Stunden Zeit. Rumgammeln auf dem Flughafen Madrid können wir ja, das haben wir letzten September eine ganze Nacht hinbekommen. Aber zunächst lassen wir uns die von Jörg mitgebrachten belegten Brote und Brötchen schmecken.
Wieder sitzen wir pünktlich im Flieger, der nach kurzem Rollen von der Startbahn abhebt. Mit uns reisen weitere Pilger, unschwer an ihrem Gepäck erkennbar. Der Flug nach Pamplona dauert lediglich eine halbe Stunde. Beim Landeanflug ist bereits der Alto de Perdón zu sehen, den wir gleich erklimmen werden. Um 13:15 Uhr steigen wir aus dem Flieger und bekommen rasch unsere Rücksäcke, die wir von der Folie befreien. Dann zieht es uns direkt auf den Camino Frances. Wir wollen nicht noch einmal vom Flughafen aus ins Zentrum von Pamplona, verzichten auf die Fahrt zurück in die Stadt und schenken uns damit circa 5 Kilometer und eine Stunde Zeit. Dafür fahren wir mit einem Taxi nach Cizur Menor zur Albergue de la Soberana Ordem de Malta, wo wir einen ersten Stempel erhalten und auch einen Blick in gegenüber liegende Iglesia Sanjuanista, die im 13. Jahrhundert vom Orden vom Hospital des Heiligen Johannes von Jerualem (auch bekannt als Hospitaliter, heute vor allem als Malteserorden) erbaut wurde. Im Mittelalter war diese religiöse und militärische Ordensgemeinschaft in der Region Navarra stark vertreten. Die Herberge, die auch heute noch wie manche andere am Camino von den Maltesern betreut werden, liegt unmittelbar am Weg, sodass wir hier unsere erste Etappe für dieses Jahr beginnen können.
Wir haben ideale Bedingungen, das Thermometer einer Apotheke zeigt 21 Grad und es ist etwas bedeckt. Ich lasse heute ausnahmsweise die Beine an meiner Hose - aus Bequemlichkeit. Es geht erst gemächlich, dann steiler in Richtung Zariquiegui. Dabei fliegen zwei Englisch sprechende Frauen plaudernd an uns vorbei, während wir schnaufend mit dem weiter ansteigenden Weg kämpfen. Kurz darauf werden wir von drei Pilgern eingeholt, einer stammt aus Regensburg. Ihn treffen wir später auch in unserer Herberge. Der Anstieg wird steiler, der Weg wird von dichtem Buchsbaumbewuchs gesäumt. Kurz vor dem 779 Meter hohen Alto de Perdón laufen wir an der Fuente de Reniega (Quelle der Abkehr) vorbei. Wie so oft gibt es zu verschiedenen Örtlichkeiten auch Legenden. Einem durstigen Pilger erschien der als Pilger verkleidete Teufel und bot ihm Wasser an. Als Gegenleistung sollte er seinem Glauben abschwören. Der Pilger ließ sich auf diesen Handel nicht ein und ging weiter. Kurz darauf wurde er aus Dankbarkeit für seine Standhaftigkeit von Jakobus persönlich zu der besagten Quelle geführt.
Hinter der etwas vernachlässigten Quelle überwinden wir den letzten mühsamen Anstieg, haben ständig die zahlreichen Windräder vor Augen, deren Surren bereits lange vor der Anhöhe zu hören ist. Auf dem windanfälligen Alto de Perdón fällt sofort die vom Bildhauer Vicente Galbete 1996 installierte verrostete Skulptur auf. Dargestellt wird eine Karawane von Pilgern mit ihren Fortbewegungsmitteln auf der Zeitachse - vom historischen Pilger in den Anfängen des Jakobsweges bis in die heutige Zeit. Wir selbst reihen uns als „moderne“ Pilger an das rechte Ende des Zuges ein und machen Fotos.
Danach erwartet uns eine letzte Herausforderung: ein Schild weist uns darauf hin, dass der Abstieg ein Gefälle von bis zu 34% haben soll. Unsere Knie freuen sich schon beim Anblick des „Abgrundes“ und schreien ganz laut. Die letzten 3 Kilometer bis Uterga sind wieder entspannt. An einer Stelle wird auf eine Baustelle samt Umleitung hingewiesen, die wir aber wie die vor uns gehenden Pilger ignorieren. Unsere Schrittfrequenz nimmt zu. Wir überholen die Gruppe rasch und treffen gegen 17:30 Uhr in der Herberge Baztán ein in Uterga ein. Wir haben vorgebucht und das ist auch gut so, denn das Haus ist „completo“. Es gibt nur einen großen Schlafsaal mit 24 Betten, in dem wir in der hintersten Ecke an einem Fenster unsere Betten zugwiesen bekommen. Gerne nehmen wir das Angebot an, am gemeinsamen Abendessen teilzunehmen - es gibt einen Salat und einen Hauptgang mit Pommes frites, Reis mit Spiegelei und entweder Huhn, Schwein oder Fisch sowie Wasser und Wein aus Navarra. Um 18:00 Uhr werden wir zum Essen gerufen. Dabei lernen wir einige deutsche Pilger kennen, u.a. aus Limburg und Göttingen. Nach dem Essen sitzen wir noch gemeinsam im Garten bei einem Bier zusammen, bevor wir den Abend müde abschließen. Ich bin froh, dass ich mich nach nunmehr fast sechsunddreißig Stunden ohne Schlaf in meinem Schlafsack verkriechen kann. Das ist übrigens ein ultraleichter aus Mikrofaser, sehr kleinem Packmaß, mit einem seitlichen Reißverschluss und für die hier vorherrschenden Temperaturen völlig ausreichend.
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Sternenhimmel und Postkartenmotiv
Dienstag, 19. Mai 2026: Uterga - Cirauqui (18,1 km)
Gut geschlafen und erst um 6:30 Uhr aufgewacht, was will man mehr, nach der Anreise. Unser Gastgeber hat Kaffee und ein paar Küchlein zum Frühstück bereitgestellt, allerdings haben sich einige davon so reichlich bedient, dass für die verbliebenen Pilger nicht mehr viel übrigblieb. Allerdings können wir aufatmen, es wird noch etwas aufgefüllt, sodass keiner hungrig bleiben muss. Daniel aus Regensburg erzählt uns bei der morgendlichen Runde, dass er es im Schlafraum nicht ausgehalten und im Garten seine Hängematte in Stellung gebracht hatte. Selbst darin hatte er Schwierigkeiten, einzuschlafen, denn er war fasziniert von dem klaren Sternenhimmel über sich.
Um 7:45 Uhr verlassen wir die Herberge, nur Daniel und eine weitere Pilgerin sind noch da, alle anderen haben sich früher auf den Weg gemacht. Wir laufen gerade mitten durch die Provinz Navarra und werden heute einen kleinen Umweg zur Iglesia Santa Maria de Eunate machen. Es ist ruhig, Vögel zwitschern, Glocken erklingen in der Ferne. Wir durchlaufen Spargelfelder, die wohl nicht mehr abgeerntet werden und erreichen kurz darauf die achteckige Kirche aus dem 12. Jahrhundert. Man hatte früher gedacht, dass es sich um eine Kirche der Templer handelt, doch aktuellen Forschungen widerlegten dies. Leider wird die Kirche erst im 10:00 Uhr geöffnet, wir sind eine ganze Stunde zu früh hier. Aber dennoch, der Anblick dieses Bauwerks hat sich gelohnt und nach einer Umrundung finden wir das beste Motiv für ein Foto.
Wir laufen weiter nach Obanos, wo wir in einem kleinen Markt unsere Wasservorräte auffüllen. Das nächste Ziel wird Puente la Reina sein, wie die berühmte namensgebende Brücke den Fluss Arga überspannt. Zunächst treffen wir an einer Kreuzung auf eine große Jakobus-Skulptur. An dieser Stelle treffen der aragonesische und der navarresische Jakobsweg (letzteren sind wir gelaufen) zusammen. Danach finden wir erstmals eine geöffnete Kirche vor, die Iglesia del Crucifijo, eine Kirche eines früheren Templerklosters aus dem 13./14. Jahrhundert. Kurz darauf schauen wir uns auch die Iglesia Santiago el Mayor aus dem 12. Jahrhundert an. Sehenswert sind auch die Häuser in der schmalen Calle Mayor, die oftmals mit den Wappen der alten Adels- und Bürgerfamilien versehen sind. Wir machen in der Casa Martija eine Pause mit Kaffee und Teilchen und erhalten dort einen der schönsten Stempel auf dem gesamten Camino.
Danach wandeln wir über die ehrwürdige mittelalterliche Brücke, die dem Örtchen den Namen gab. Die Brücke wurde in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts erbaut. Ob die Stifterin die navarresische Königin Dona Mayor oder deren Schwiegertochter war, ist heute nicht mehr festzustellen. Nach der Überquerung der markanten Brücke müssen wir ein wenig verharren, denn einer größeren Schafherde gewähren wir gerne Vorrang. Der weitere Verlauf des Caminos führt uns über befestigte Schotterwege. Die Sonne brennt von hinten ordentlich und plötzlich stehen wir an einem Schild, das uns einen circa 1 km langen Anstieg von bis zu 21% Steigung anzeigt. Hilft alles nichts, da müssen wir jetzt hoch, und es wird sehr schweißtreibend. Oben angekommen durchlaufen wir Mañeru, dahinter wird mit einem Postkartenmotiv unser Tagesziel Cirauqui sichtbar. Unsere Unterkunft Albergue Maralotx erreichen wir nach einem weiteren Anstieg im Ort selbst gegen 13:10 Uhr. Die Herberge liegt direkt gegenüber der Iglesia San Román (die allerdings nur mittwochs und sonntags geöffnet ist).
Wir werden schon vor der Öffnungszeit als erste freundlich empfangen und melden uns direkt für das Abendessen an. Außerdem haben wir Glück und können uns Betten in einem Zimmer mit fünf Schlafmöglichkeiten aussuchen. Unterwegs haben wir nur sehr wenige Pilger getroffen, die Herberge ist heute allerdings mit ihren 30 Plätzen vollständig ausgebucht. Zum Abendessen versammeln sich alle in einem stimmungsvollen Gewölbe. Jeder Platz ist bereits mit einem Salat versehen und als Hauptgang wird ein Kichererbseneintopf mit frischen Pilzen serviert - sowas von lecker! Ich glaube, ich habe bei fünf Tellern aufgehört zu zählen. Bei uns am Tisch sitzen zwei Australierinnen und ein französisches Ehepaar, es sind aber auch Briten und Amerikaner anwesend und vor allem weitere Französisch sprechende Pilger.
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Und immer wieder ein Stern…
Mittwoch, 20. Mai 2026: Cirauqui – Azqueta (21,8 km)
Trotz entspannter Aufbruchstimmung geht es heute erneut erst kurz vor 8:00 Uhr los. Und wieder sind wir bei den letzten Pilgern, die die Herberge verlassen. Nur noch vier Paar Schuhe stehen im Regal, und das Haus war mit 30 Leuten voll besetzt. Auf einem alten, gepflasterten Weg geht es zunächst abwärts zu einer romanischen Brücke. In der Ferne ist eine Felsformation zu sehen, die uns den ganzen Tag in immer anderen Perspektiven begleiten wird. Und heute sind wir nicht allein, vor uns sind „seltsamerweise“ weitere Pilger in derselben Richtung wie wir unterwegs. Wir laufen überwiegend auf befestigten Wegen, manchmal auch auf feinem Schotter, überqueren alte Brücken und nutzen nahe der Autovía schmucke Unterführungen. Noch ist es kühl, der Himmel ist blau, aber die Sonne macht sich schon bemerkbar. Im Anstieg nach Lorca hat ein pilgerfreundlicher Mensch unter einem schattenspendenden Baum einen Tisch aufgestellt: frisches Wasser aus dem Kanister, Kekse, Erdnüsse, Oliven und Kirschen. Für eine Spende darf man sich bedienen - ein paar Radpilger, die uns im Anstieg überholt haben, nutzen das gerade ausgiebig aus.
Nach rund 8 Kilometern erreichen wir Lorca und wir sind einhellig der Meinung, dass es Zeit für ein Frühstück ist. Die zu der örtlichen Pilgerherberge gehörende Bar bietet dazu auf einem Schild eine Tortilla an. Das Angebot sagt uns zu und schon sitzen wir, vor uns Tortilla, ein Café con leche und ein Glas frisch gepresster Orangensaft. Ich werde noch gefragt, ob ich schon einmal dort gewesen sei, es scheint einen Doppelgänger von mir zu geben. Weiter geht es auf zum Teil schattigen Wegen entlang einer Straße, doch zumeist in der nun kräftiger scheinenden Sonne. Die Landschaft ist äußerst grün und frisch, es hat in den letzten Wochen einiges an Niederschlag gegeben. Ein paar Schlammlöcher, die sich uns in den Weg stellen, zeugen noch davon.
In Villatuerta weist uns ein Schild darauf hin, dass es „nur“ noch 643 Kilometer bis Santiago sind. Das macht Mut. In der Igelesia La Asunción finden wir das erste Mal die Möglichkeit vor, unser Credencial abstempeln zu lassen - und das gleich in zweifacher Ausfertigung. Vor der Kirche befindet sich eine Statue des San Veremundo, der im 11. Jahrhundert lebte, Abt des Klosters Irache war und maßgeblich an der Entwicklung des Jakobsweges beteiligt war.
Allmählich holen wir einige Pilger ein, die wesentlich vor uns in Cirauqui gestartet sind. Neben zwei Amerikanerinnen und dem französischen Ehepaar treffen wir auch wiederholt Paf aus London (so haben wir seinen Namen jedenfalls verstanden). Dann wird es erstmals urbaner, wir erreichen mit Estella (= Stern) eine größere Stadt mit rund 15.000 Einwohnern. Aufgrund von Bauarbeiten gibt es einen kleinen Umweg ins Zentrum, wo sich neben dem Palast der Könige die Touristinfo befindet. Meine Idee, mal schnell einen Stempel abholen, geht nicht auf. Vor uns bekommt ein Paar von der Mitarbeiterin anscheinend die gesamte Stadtgeschichte erzählt. Mit dem Stempel im Heft ziehen wir weiter, aber nur ein paar Meter. Während Jörg sich auf einer Bank breit macht, gehe ich über eine langgezogene Freitreppe zum wunderbaren Portal der Iglesia San Pedro de la Rúa. Der Aufstieg zu der Kirche aus dem 12. Jahrhundert lohnt sich und wird mit einem weiteren Stempel belohnt.
Da sich unsere Wasservorräte dem Ende neigen, suchen wir uns eine Einkaufsmöglichkeit und finden diese mit einem kleinen, unscheinbaren Lädchen, der von einer total netten Dame geführt wird. Drei Flaschen Wasser, zwei Bananen und einen Apfel später machen wir uns auf den restlichen Weg des Tages. Es geht noch einmal etwas aufwärts, doch die nahende Bodega Irache motiviert. Zunächst aber finden wir in Ayegui die örtliche Pilgerherberge San Cipriano und mussten unweigerlich an unseren beliebten Militärpfarrer aus Mainz denken, der diesen Vornamen führt. Es dauert danach nicht mehr lange, bis wir vor dem berühmten Weinbrunnen der Bodega Irache stehen. Während ich einen Schluck koste, füllt Jörg mal schnell eine kleine leere Wasserflasche mit Rotwein. Vor dem ehemaligen Kloster Santa María la Real de Irache legen wir eine etwas längere Pause ein, die ich zum Erkunden des großflächig angelegten Klosterkomplexes nutze. Es gibt einen neuen und einen alten Kreuzgang sowie eine einfache, aber große Kirche der mittelalterlichen Benediktinerabtei zu entdecken. Erstmals wurde die Benediktinerabtei im Jahr 958 urkundlich erwähnt, sie bestand bis 1824.
Nach der ausgiebigen Pause, in der von dem Rotwein in Jörgs Flasche nichts übriggeblieben ist, wartet der letzte Abschnitt auf uns, der noch einmal etwas hügelig ist. Rechts von uns ist wieder das Felsmassiv zu sehen und wir quatschen ein wenig mit Paf, der unseren Schritt aber nicht mithalten kann und uns ziehen lässt. Gegen 14:30 Uhr erreichen wir nach einem letzten Anstieg Azqueta und am Ortsausgang unsere Herberge La Perla Negra, die nur 8 Pilgern eine Übernachtungsmöglichkeit anbietet. Aus diesem Grund habe ich für Jörg und mich vorgebucht. Da wir aber eher asymmetrisch unseren Weg geplant haben, übernachten hier nicht ganz so viele Pilger. Heute sind neben uns beiden noch Ian, ein in Australien geborener Holländer mit irischem Namen aus Nimegen sowie Alice aus Minnesota da. Abendessen und Frühstück sind inklusive. Wir bekommen von Helena ein eigenes Zimmer in der Herberge, die im ausgebauten Dachgeschoss ihres Hauses eingerichtet ist. Kurz nach neunzehn Uhr werden wir zum Dinner gerufen, es gibt ein leckeres vegetarisches Gericht. Danach sitzen wir zu fünft noch etwas zusammen und unterhalten uns, bis die Müdigkeit uns alle einholt.
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Alive and kicking
Donnerstag, 21. Mai 2026: Azqueta - Torres del Rio (21,8 km)
Der Tag beginnt schon richtig gut. Wir machen uns in Ruhe fertig, bekommen von Helena ein Käsebrot, eine Banane und einen Riegel. Für den Kaffee schickt sie uns in die nahegelegene Bar L´Antorcha, die von ihrem Partner geführt wird. Aus der Musikbox ertönen bekannte Klänge, die ich leise für mich mitsumme. Simple Minds - Alive and kicking, letztes Jahr auf der Loreley live erlebt. Frei übersetzt: voller Tatendrang und munter. Das ist genau das Gefühl, das ich gerade habe, ein passendes Motto für diesen vierten Pilgertag. Da schmeckt der Café con leche umso besser, auch für mich, der eigentlich keinen Kaffee trinkt.
Wir holen unsere Rucksäcke in der Unterkunft und verabschieden uns von Helena mit der von ihr am Vorabend angekündigten Umarmung. Der heutige Weg führt uns zunächst aufwärts nach Villamajor de Monjardin und danach gefühlt nur noch absteigend weiter - wenngleich immer wieder mit kurzen Peaks. Über uns breitet sich eine blaue Fläche aus. Keine Wolken. Eine stärker werdende Sonne. Und Vögel, viele Vögel. Vor allem überrascht uns hier die große Anzahl an Schwalben. Allmählich holen wir bereits bekannte Menschen ein wie Paf und Ian. Erstaunt sind wir über ein Paar, das mit einem Säugling und einem Kinderwagen unterwegs ist. Da kann man nur staunen. Nach rund 8 Kilometern erreichen wir die Pilgrim Oasis, einen Foodtruck, dessen Einladung zu einer kurzen Pause dankend angenommen wird. Das passt sehr gut, denn bis Los Arcos gibt es keine Möglichkeit, Getränke zu bekommen - und das sind jetzt noch gut 6 Kilometer.
Wir kommen heute gut vorwärts, laufen fast 5 Kilometer in der Stunde. Die Strecke gibt es aber auch vom Höhenprofil her. Der Weg wird flankiert von großflächigen Getreidefeldern, Weinbergen, vereinzelt auch Olivenbäumen und Spargelfeldern. Gegen 11:00 Uhr treffen wir in Los Arcos ein und machen eine Pause direkt vor der Iglesia Santa Maria. Eigentlich ist die Kirche zu dieser Zeit geschlossen, aber ein Geistlicher bereitet wohl gerade einen Gottesdienst vor, sodass man eintreten kann. Es wäre eine Schande gewesen, diese so schön ausgestattete Kirche nicht anzusehen.
Es sind jetzt nur noch rund 7 Kilometer bis zu unserem Etappenziel Torres del Rio. Die Sonne lässt die Temperatur nach oben schnellen, wir halten deshalb unseren Schritt aufrecht. Für den späten Nachmittag sind bis zu 30 Grad angekündigt. Die Strecke führt uns überwiegend über Feldwege ohne Schatten. Für Abwechslung sorgen lediglich die unzähligen Mohnblüten an den Rändern der Felder, die in einem kräftigen Rot leuchten. Gegen 13:15 Uhr stehen wir vor der Herberge und bekommen unsere Betten zugewiesen. Schön, dass wir auch diese Etappe unbeschadet überstanden haben. So kann es weitergehen. In unserem Zimmer treffen wir auch Marion und Uwe aus Göttingen, die wir ja schon am ersten Tag kennengelernt haben. Es folgen: Bettenbau, duschen, waschen, regenerieren.
Für mich kommt dann doch noch etwas Stress dazu (das zeigte mir jedenfalls meine Smartwatch an). Übermorgen müssen wir von Logrono nach Najera 29 Kilometer zurücklegen und es sind wieder hohe Temperaturen angekündigt. Deshalb möchten wir gerne eine Unterkunft fix machen. Das gestaltet sich schwieriger als gedacht, denn auf Buchungsportalen ist nichts mehr verfügbar. Ich habe mir schon alternative Etappenverläufe überlegt. Durch einen Zufall schaffe ich dann doch noch, in einer vermeintlich ausgebuchten Herberge zwei Betten für uns zu ergattern. Glück gehabt. Alive and kicking!
Vor dem Abendessen ergibt sich noch die Gelegenheit, einen Blick in die benachbarte Iglesia Santo Sepulcro zu werfen. Das achteckige Gotteshaus wurde im 12. Jahrhundert vom Orden vom Heiligen Grab zu Jerusalem erbaut wurde und sollte an die damalige Kirche über dem Heiligen Grab in Jerusalem erinnern. Eine Besonderheit gibt es auch noch: an den drei Geschossen des Turmes befinden sich unzählige Schwalbennester, die auch fast alle belegt sind.
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Camino im goldenen Morgenlicht
Freitag, 22.05.2026: Torres del Rio - Logroño (21,8 km)
Es war sehr eine unruhige Nacht, in der in unserem Schlafraum sehr viel geschnarcht wurde. Kein Wunder also, dass wir schon früh wach wurden. Für diesen Fall haben Jörg und ich vereinbart, aufzustehen und uns fertig für den Abmarsch zu machen. Auch andere Pilger hatten eine ähnliche Idee, zumal die Wettervorhersage stetig ansteigende Temperaturen angekündigt hat. Mit einem wunderschönen Sonnenaufgang um 6:45 Uhr verlassen wir die Herberge. Auf schmalen geschotterten Pfaden verlieren wir uns rasch in einer schönen Landschaft, die eine völlige Ruhe ausstrahlt. Nur die Stimmen unserer Schritte und vereinzelt ein paar Vögel durchbrechen die Stille.
Der erste Abschnitt der heutigen Etappe gleicht einer Berg- und Talfahrt. Einige steile und anstrengende Aufwärtspassagen wechseln sich mit Aufmerksamkeit erforderlichen Gefällstücken ab. Dazwischen laufen wir auch immer wieder durch enge Täler mit schönen Ausblicken auf verschiedenfarbige Parzellen mit unterschiedlichem Bewuchs. Die ersten rund 11 Kilometer gibt es in diesem Bereich allerdings keine Möglichkeit, sich mit Wasser oder etwas Essbaren zu versorgen. Gegen 9:15 Uhr treffen wir in Viana ein. Direkt am Weg im Zentrum der Stadt laden mehrere Bars zum Hinsetzen ein. Darauf haben wir schon gewartet und finden ein nettes Plätzchen im Schatten der Iglesia Santa Maria, die gerade von außen eingerüstet und zudem geschlossen ist.
Wir machen eine ausgiebige, einstündige Pause und es gesellen sich Marion und Uwe zu uns. Ich schaue mir zwischendurch die Ruinen der aus dem 13. Jahrhundert stammenden Zisterzienserkirche San Pedro an. Es ist zwar nur noch wenig erhalten, das rechte Seitenschiff mit alten Malereien ist sehenswert. Die Zeit ist gekommen, nicht weiter zu trödeln, sondern wieder aufzubrechen. Es wird zunehmend wärmer und wir haben gerade die Hälfte der heutigen Strecke geschafft. Zunächst geht es überwiegend auf asphaltierten Nebenstraßen weiter, danach knirscht der Schotter wieder vermehrt unter den Füßen. Wir verlassen die Autonome Region Navarra und betreten die Autonome Region La Rioja. Links und rechts befinden sich noch mehr Weinfelder als zuletzt und wir freuen uns schon auf einen kräftigen Roten. Kurz hinter dem Übergang legen wir noch einmal eine kurze Trinkpause ein, bevor es letztmalig einen Anstieg zu bewältigen gibt. Dahinter verläuft der Camino nur noch abwärts, vor uns ist bereits Logroño (ca. 150.000 Einwohner) zu sehen. Wir überqueren den Fluss Ebro und erreichen im 12:30 Uhr unsere etwas abseits des Stadtzentrums gelegene Pilgerherberge Albas, die erst in einer halben Stunde öffnet.
Morgen wird es erneut sehr heiß werden. Unser Plan für den morgigen Tag heißt, sehr früh die Herberge verlassen und heute Abend schon etwas zu Essen und Trinken einkaufen. . Auf den ersten 14 Kilometern wird es erneut keine Einkaufsmöglichkeit geben. Auch heute haben wir Glück mit unseren Schlafplätzen, die in der hintersten Ecke des Raumes sind. Dort haben wir ausreichend Platz, unsere Habseligkeiten auszubreiten. Später können wir sie in einem Schubkasten unter dem Bett einschließen. Etwas später nehmen wir in einem kleinen orientalischen Restaurant unser Abendessen ein - erstmals nicht in einer Herberge. Der Weg dahin ist zwar kurz, aber durch die aktuell 32 Grad sehr anstrengend. Man könnte glatt noch einmal unter die Dusche gehen. Wir sind froh, wieder in der klimatisierten Unterkunft zu sein und uns mental und körperlich auf die morgige lange Etappe vorzubereiten. Betten in Najera sind zum Glück schon reserviert. In der Zwischenzeit sind unsere gewaschenen Sachen getrocknet und können verpackt werden.
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Wenn die Schuhe enger werden...
Samstag, 23.05.2026: Logroño - Nájera (29,7 km)
Das wird heute die bisher längste und wärmste Etappe. Außerdem gibt es lediglich bei ungefähr der Hälfte der Wegstrecke eine Möglichkeit für eine Frühstückspause - davor und danach lang gezogene Schotterwege ohne Schatten. Das bedeutet aber auch, dass wir für den Tag Getränke und Verpflegung mitnehmen müssen, wodurch das Gewicht auf dem Rücken noch etwas erhöht wird. Kurz nach 6:00 Uhr sind wir auf den Beinen, es geht zunächst eine ganze Stunde durch die beleuchteten Straßen von Logroño. Dabei passieren wir in der Morgendämmerung die Iglesia de Santiago, die mit einem Gerüst geschmückt ist und weitere Skulpturen, die dem Camino gewidmet sind. Für Lärm in der frühen Stille sorgen ein paar junge Leute, deren Nacht offensichtlich etwas länger gedauert hat. Immerhin sind sie freundlich und grüßen uns, nachdem sie uns aus zunächst sicherer Entfernung gemustert haben. Nachdem wir auch die letzten Ausläufer der Stadt in Form einer gerade gewässerten Grünanlage hinter uns gelassen haben, sorgt im Anschluss einer längeren Allee der Parque La Grajera, ein Naturschutzgebiet mit großem See, für etwas Abwechslung. Dieses Areal wird von der Bevölkerung gerne am Wochenende genutzt, heute sehen wir allerdings lediglich eine Handvoll Angler auf der Staumauer. Hinter einer Buschreihe werden wir von zwei überhaupt nicht scheuen Eichhörnchen überrascht, die zielgerichtet auf uns zulaufen und uns anbetteln. Leider haben wir für die beiden nichts Essbares dabei.
Es folgt ein erster kurzer Anstieg entlang der Autobahn. Am höchsten Punkt ist in der Ferne unser Zwischenziel Navarette zu sehen, es sind bis dorthin aber noch ein paar Kilometer zu absolvieren. Am Ortseingang befinden sich die Reste des früheren Pilgerhospitals San Juan de Acte, das im 12. Jahrhundert vom Orden des Heiligen Johannes von Jerusalem gegründet wurde. Zu sehen sind fast ausschließlich die Grundmauern der Kirche. Mittels eines QR-Codes kann man sich eine virtuelle Rekonstruktion und einen erläuternden Text abrufen. Direkt daneben steht erstmals in La Rioja ein Monolith mit Muschelwegweiser der Kilometerangabe 601. Diese werden in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen die noch zu bewältigende Entfernung nach Santiago anzeigen. Allerdings stimmen die eingravierten Zahlen nicht mit der Angabe bei einem unmittelbar benachbarten Fotopoint der Bodegas Corral unmittelbar daneben. Dort ist der verbliebene Weg mit 576 Kilometern angegeben.
Gegen 09:00 Uhr treffen wir in Navarette ein. Neben der wunderschön ausgeschmückten Iglesia Ascimción de María befindet sich die Bar und die Albergue La Iglesia. Dort haben sich bereits viele andere Pilger zum Frühstück niedergelassen. Ihnen tun wir es gleich, besorgen uns drinnen etwas zu essen und finden noch einen freien Tisch. Nick aus Boston gesellt sich zu uns und wir plaudern ein wenig. Ihn interessiert vieles aus Deutschland, auch wie man sich begrüßt. Nichts einfacher als das: er bekommt von Jörg eine Lektion erteilt. Lustig findet Nick die das norddeutsche „Moin“. Ich nutze die Zeit und gehe in die Kirche, die mit der leisen, dahinfließenden abgespielten Musik eine ruhige Atmosphäre ausstrahlt. Ich entzünde an einer Jakobusfigur zwei Kerzen zum Gedenken an einen gestern verstorbenen Bekannten aus unserer Fußball-Familie und setze mich ein paar Augenblicke hin. Es ist ein kurzer, aber stiller Genuss und gleichzeitig Kontrast als zum manchmal lauten Pilgeralltag.
Eine halbe Stunde ist vergangen und Jörg und ich machen uns fertig zum Aufbruch. Just in diesem Augenblick treffen Marion und Uwe ein und wir reden kurz miteinander. Sie hatten wohl keine gute Nacht, denn um 21:00 Uhr wurde die Klimaanlage ausgeschaltet. Unser Weg führt uns nun stetig aufwärts, zum Glück nicht steil. Rechts von uns befindet sich wie so oft die Autobahn, ansonsten geht es durch Felder, zumeist mit Weinstöcken bestückt. Über uns steht die Sonne bereits hoch und strahlt zunehmend ihre Hitze auf uns herab. Hier gilt es, einfach Kilometer auf den Tacho zu bringen. Als dieser 20 zeigt, finden wir einen zum Teil schattigen Rastplatz, den wir direkt ansteuern. Schuhe aus, Socken aus, Baguette und Chorizo verputzt. Wieder eine halbe Stunde rum.
Nun wird es etwas steiler, es erwartet uns der Alto San Antón mit einem schönen Aussichtspunkt, von dem wir einen Großteil der seit Navarette zurückgelegten Strecke sehen können. Inzwischen melden sich meine Füße. Sie möchten mehr Platz, denn anscheinend werden meine Hoka Anacapa Breeze Low etwas eng. Dieses Phänomen habe ich bereits die letzten Tage erlebt. Nach circa 20 Kilometern wird es eng im Schuh, was aber bei der Belastung ganz normal ist. Immerhin müssen meine Füße täglich zwischen 30.000 und 40.000 Schritte absolvieren. Zum Glück geht es jetzt die letzten sieben Kilometer nur noch abwärts, ebenso sanft wie der Aufstieg. Irgendwann sind unsere Wasservorräte aufgebraucht. Jetzt wäre eine Nachladestation nicht schlecht. Nicht verzagen: das Universum wird liefern. Und es liefert: 2 Kilometer vor Najera ist es soweit: Vor einem Garten steht ein Kühlschrank, gefüllt mit Wasser und Cola, das ganze gegen eine Spende. Was will man mehr! Wir greifen zu und lassen unseren Obolus in der bereitgestellten Kasse verschwinden.
Das letzte Stück bekommen wir jetzt auch noch hin, die Cola gibt uns noch einmal Treibstoff in den Tank. Wir passieren eine bunt bemalte Wand, auf der 1987 Eugenio Saribay das berühmte „Poema del Camino“ geschrieben hatte. Durch Verwitterung und Schmierereien war es kaum noch lesbar und wurde 2021 restauriert. Das historische Gedicht wird heute durch eine neue Initiative - „Biblioteca del Camino“ – eingerahmt. Rechts und links wurden Bücherregale aufgemalt, die dem Gedicht einen schönen Rahmen verleihen. Um 13:40 Uhr treffen wir an der Albergue La Puerta de Najera ein. Geschafft. Schwere Beine. Brennende Füße. Das vergeht wieder über Nacht. Bett fertig machen, Duschen, Wäsche waschen. Ausruhen. Heute Abend nur etwas essen gehen und sonst nichts mehr. Ja, die Betten. Die sind etwas kurz, wackelig und geben bei jeder Bewegung ein Geräusch von sich. Auf der Suche nach etwas Essbaren treffen wir auf Marion und Uwe und setzen uns zu ihnen. Die beiden haben wo anders eine Reservierung zum Abendessen, wir nehmen hier eine Kleinigkeit zu uns. Anschließend heißt es: ab ins Bett.
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An Domingo nach Domingo
24.05.2026: Nájera - Santo Domingo de la Calzada (21,9 km)
Es war laut in der Nacht. Man könnte meinen, der ganze Ort sei bis 5:00 Uhr in der Früh auf den Beinen gewesen und hätte sich mit eindringlichen Stimmen unter unserem geöffneten Fenster versammelt und unterhalten. Als endlich Ruhe einkehrt, machen sich die ersten Gäste aus der Herberge schon wieder abmarschbereit. Sehr rücksichtsvoll allerdings. Auch Jörg und ich beginnen allmählich mit den Vorbereitungen, gehören bald zu einigen wenigen, die noch nicht die Herberge verlassen haben. Das ist inzwischen Tradition bei uns, zu den Letzten zu gehören. Das Nachbarzimmer mit vier Betten ist bereits verlassen. Auf die Chance haben wir gewartet und nutzen es zum Umziehen und Verpacken bei voller Beleuchtung, ohne die noch Schlafenden in den anderen Räumen zu stören.
Es ist Sonntag - auf Spanisch Domingo - und wir beenden heute die erste Woche auf dem Camino Frances. Unser Ziel wird Santo Domingo de la Calzada sein. Um 7:00 Uhr geht es los, und zwar bergauf über den Alto de Nájera. Wir treffen ein paar bekannte Gesichter wie Nick oder den Küchenmeister (ein Asiate, der eine ganze Küchenausstattung am Rucksack baumeln hat). Nick begrüßt uns inzwischen immer mit dem nordischen „Moin“, das Jörg ihm beigebracht hat. Dann haben wir das übliche Bild vor Augen: ein lange sichtbarer heller Schotterweg, auf dem sich langsam kleine dunkle Punkte wie Ameisen von uns fortbewegen. Einen ersten Stopp legen wir nach rund 7 Kilometern in Azofra ein. Frühstück ist angesagt. Die erste Bar ist überfüllt, wir gehen einfach ein Stück weiter und finden dort ein Plätzchen. Es ist halt wie immer, die meisten nutzen die erstbeste Gelegenheit, anstatt mutig auf die zweitbeste zu warten. Und die sich dann oftmals als die bessere erweist.
Wir lassen uns eine halbe Stunde Zeit, bevor wir wieder losstürmen. Unser Tempo liegt bei fast 5 km/h. Das ändert sich aber schon sehr bald, denn ein fast zwei Kilometer langer Anstieg vor Cirueña verlangt einiges von uns ab. Der Plan war, hier nach weiteren 10 Kilometern noch einmal zu unterbrechen und Flüssigkeit aufzufüllen. Die erste Bar an einem Golfareal ist uns zu überfüllt, also geht es weiter. Das Örtchen hat bis auf ein paar Skulpturen zum Camino nicht viel zu bieten. Durch ein Neubaugebiet geht es in den älteren Teil der Siedlung. Zu einer weiteren Bar nehmen wir sogar einen kleinen Umweg in Kauf. Dort angekommen versteht man sein eigenes Wort nicht, denn es reden circa zwanzig Menschen wild und fast schreiend durcheinander. Getränke bestellen und raus auf die sonnige Terrasse. Wieder vergeht eine halbe Stunde, bevor es an einem Hopfenfeld (!), Weinstöcken und Getreide in Richtung Santo Domingo de la Calzada geht. Schon von weitem sieht man die Stadt, aber vor allem den schnurgeradeaus führenden Wegeverlauf. Ziemlich genau um 13:00 Uhr treffen wir in der Albergue Cofradia Santo ein. Die Bruderschaft wurde von Domingo selbst gegründet und kümmert sich seit über 900 Jahren um durchreisende Pilger.
Wir erhalten unsere Betten, dieses Mal lang genug und unten – es sind also keine Klettereinlagen erforderlich. Duschen, Wäsche waschen, erfrischen und Marion und Uwe auf eine Erfrischung auf dem Platz vor der Herberge treffen, die im selben Haus untergekommen sind. Für den Abend werden wir gemeinsam essen gehen. Während Jörg anschließend etwas ruht, suche ich die Kathedrale und das Grab von Santo Domingo auf. Die Kirche ist recht nüchtern gestaltet, lediglich der Hauptaltar, der sich ungewöhnlicherweise im nördlichen Querhaus befindet und das Baldachingrabmal des Heiligen stechen heraus. Gegenüber dem Grabmal befindet sich etwas höher gelegen der Hühnerkäfig aus dem 16. Jahrhundert, in dem immer ein weißer Hahn und eine weiße Henne untergebracht sind. Hintergrund ist das sogenannte Hühnerwunder, das auf Wikipedia wie folgt beschrieben wird:
„Das sogenannte Hühnerwunder von Santo Domingo de la Calzada ist eine eng mit dem Jakobsweg verbundene Legende. Zur Hochzeit der Wallfahrt nach Santiago de Compostela soll eine Pilgerfamilie aus Xanten nach Santo Domingo de la Calzada gekommen sein. Sie übernachteten in einem Wirtshaus. Die Wirtstochter fand den Sohn der Familie sehr attraktiv, der - fromm und keusch - ihr Angebot aber zurückwies. Die Zuneigung der Wirtstochter wandelte sich in bösen Zorn, sie sann auf Rache und versteckte einen Silberbecher in seinem Gepäck. Der Wirt bemerkte am nächsten Tag den Verlust und schickte die Stadtbüttel aus, die auch schnell fanden, was sie suchten. Der junge Mann wurde nach kurzem Prozess aufgehängt und die Eltern zogen traurigen Herzens weiter nach Santiago. Auf dem Rückweg kamen sie wieder an der Richtstatt vorbei, wo sie ihr Sohn ansprach, dass er gar nicht tot sei, weil ihn (Version 1) Santiago bzw. (Version 2) Santo Domingo gehalten habe. Die Eltern liefen daraufhin zum Richter, der vor einem Teller gebratener Hühner saß, und berichteten das Vorgefallene. Der Richter antwortete, dass ihr Sohn so tot sei wie die beiden Hühner vor ihm, worauf diese sich erhoben und davonflatterten. Nun wurde der Sohn ab- und die Wirtstochter aufgehängt, die Familie zog weiter nach Hause.“
Nach dem Besuch der Kathedrale steige ich noch die 132 Stufen des separat stehenden Glockenturms der Kathedrale hoch und staune über neun unterschiedlich große Glocken und die tolle Aussicht. Dann ist es auch schon so weit, dass wir uns zum Abendessen treffen und den Tag gemütlich ausklingen lassen. Morgen starten wir in die zweite Woche, bisher haben wir 148 Kilometer zurückgelegt.
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Hier geht es weiter zur 2. Woche (folgt demnächst)
























