Camino Francés 2026 - Woche 3

    

  Datum Strecke Länge Gesamtlänge
15. 01.06.2026 Calzdilla de la Cueza - Sahagun 23 km 2169 km
16. 02.06.2026 Sahagun - Religios 30 km  2199 km
17. 03.06.2026 Religios - Leon 24 km 2223 km
18. 04.06.2026 Leon - San Martin del Camino 23 km 2246 km
19. 05.06.2026 San Martin del Camino - Astorga 23 km 2269 km
20. 06.06.2026 Astorga - Rabanal del Camimo 21 km 2290 km
21. 07.06.2026 Rabanal del Camino - Ponferrada 33 km 2323 km

 

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Centro do Camino

01.06.2026: Calzadilla de la Cueza - Sahagún (23,1 km)

Die heutige Etappe wird so wie gestern eher kurz und relativ flach. Doch bevor wir losziehen, haben wir noch einmal mit dem Wasser zu kämpfen. Einen morgendlichen Toilettengang unseres Zimmers verträgt die Spülung noch, einen zweiten weniger. Wir wissen jetzt auch, warum drei 1,5-Liter-Flaschen im Zimmer bereitstehen. Nicht zum Trinken… Gegen 6:00 Uhr versuchen wir, das Haus zu verlassen. Erst mit etwas Gewalt lässt sich die etwas verzogene Eingangstür öffnen.

Unsere erste Begleiterin in der Dämmerung ist wieder einmal mehr die N120, neben der wir auf „unserem“ links daneben befindlichen Pilgerstreifen vorwärtskommen. Allerdings wechseln wir überwiegend auf die Straße, auf der uns nur ein Auto begegnet. Auf dem festeren Asphalt läuft es sich einfach besser. Nach sechs Kilometern erreichen wir Ledigos. Hier werden wir auf einem Schild hingewiesen, dass wir den Mittelpunkt des Camino Frances erreicht hätten: von Roncesvalles beginnend bis hierhin sind es 380 Kilometer, bis Santiago ebenfalls noch 380. Wir legen hier unsere Frühstückspause in der Albergue La Morena ein.

Wie immer lassen wir uns Zeit und sind eine gute Dreiviertelstunde später wieder auf der Piste. Auf den folgenden Monolithen sieht die noch zu absolvierende Strecke etwas anders aus, nämlich bis zu 391 Kilometer. Nicht nur Ledigos, auch unser heutiges Etappenziel Sahagún beansprucht die geographische Mitte des Jakobsweges. Uns kann es eigentlich egal sein, wir wollen auf jeden Fall nach Santiago. Es folgt mit Terradillos de los Templarios das nächste Dorf, das vom Namen her lediglich besagt, dass es zum früheren Besitz der Templer gehörte. Spuren des Ritterordens findet man hier nicht, wenngleich eine Herberge nach dem letzten Großmeister Jacques de Molay benannt ist. Hier schnuppern wir erstmals frische Landluft, es riecht nach Vieh, man sieht aber keins. An einem Rastplatz entdecken wir nur den Pilger mit Esel, und der riecht nicht.

In Moratinos gibt es eine Besonderheit. Was zunächst wie die Behausung von Hobbits aussieht, entpuppt sich als in den Lehm gegrabene Weinkeller. Kurz hinter dem Dorf entdecken wir vor uns Marion und Uwe, welch Freude. Wir gehen zusammen ein Stück bis San Nicolás del Real Camino, wo Jörg und ich in der Albergue Laganares eine weitere Pause einlegen. Ab hier wählen wir eine Variante des Weges, die etwas weiter von der Straße verläuft. Wir passieren die Ermita de la Virgen del Puente und sind nur wenig später in Sahagún. Gegen 11:40 Uhr stehen wir vor der Albergue Santa Cruz - deutlich zu früh. Wir dürfen unsere Rucksäcke schon einmal abstellen, sollen aber erst um halb eins wiederkommen.

Wir nutzen die Zeit zu einem kleinen Snack in der Stadt und treffen auf dem Rückweg Marion und Uwe und werden dann eingelassen. Der Pfarrer des Klosters begrüßt alle anwesenden Gäste und erzählt etwas über das Angebot der Herberge. Wir bekommen erneut ein Zimmer für uns. Duschen, Wäsche waschen und danach zu viert etwas trinken und essen gehen. Später nehme ich am Pilgergottesdienst teil, der sowohl in Spanisch als auch in Englisch gehalten wird. Im Anschluss erteilt der Pfarrer zusammen mit der Äbtissin des Benediktinerinnen-Klosters allen noch einen persönlichen Pilgersegen. Leider habe ich es nicht mehr geschafft, das Santuario de la Virgen Peregrina aufzusuchen. Benannt ist die Kirche nach einer Marienfigur im Pilgergewand. Früher war hier ein Franziskanerkloster beheimatet. Nach Abschluss der Restaurierung im Jahr 2011 wird es derzeit als Kultur- und Studienzentrum des Camino de Santiago genutzt. Hier kann man sich eine Pilgerurkunde über den halben Camino Frances ausstellen lassen.

   

 

 

 

Die Bocadillos werden wieder größer

02.06.2026: Sahagún - Reliegos (30 km)

Der heutige Tag steht unter dem Motto „Kopf ausschalten und losgehen“, so wie der Duracell-Hase. Am Ende des Tages sind wir eigentlich die kompletten 30 Kilometer auf der Straße gelaufen. Doch beginnen wir am Morgen. Wahrscheinlich war die längste zu bewältigende Etappe in den Köpfen, sodass wir schon vor fünf Uhr wach sind. Als alles verpackt ist, nutzen wir die Gelegenheit, noch ein kleines Frühstück zu uns zu nehmen. Von Seiten der Herberge wird ab 7:00 Uhr ein Frühstück auf Spendenbasis angeboten. Wer früher losziehen möchte, kann aber trotzdem aus einer kleinen Auswahl zugreifen. Sogar etwas Wurst und Käse steht gut verpackt zur Verfügung. Zum Dank wird die Spendenbox gefüllt - inklusive des 5-Euro-Scheines, den ich gestern Abend im Innenhof gefunden habe. Kurz vor 6:00 Uhr geht es los. Nach wenigen Schritten machen wir noch einmal Halt für ein besonderes Foto. Auf dem Boden sind aus Bronze zwei Fußabdrücke eingelassen, daneben steht ein Pilgerstab mit Kalebasse. Hier posieren die Pilger sehr gerne, bevor sie Sahagún verlassen.

Wie in den vergangenen Tagen ist es kühl, allerdings kommt heute ein ordentlicher Wind dazu, der die Außentemperatur noch mal einmal kälter erscheinen lässt. Da hilft nur eins: ich ziehe meinen langärmeligen Pulli und Jörg seine Ärmlinge an. Damit lässt es sich aushalten. Wir laufen entlang einer Straße, lassen den Pilgerpfad links neben uns liegen. Auf der Straße lässt es sich besser gehen als auf dem Schotterweg. Gegen 8:00 Uhr legen wir nach fast einem Drittel der heutigen Strecke in Bercianos del Real Camino eine erste Rast in der Albergue Bercianos1900 ein. Prima, dass man in vielen Herbergen etwas zu essen bekommen kann, obwohl man dort nicht übernachtet hat. Es ist klassische Frühstückszeit. Für uns bedeutet das heute je ein Bocadillo con queso y jamon und einen Café con leche. Auffallend ist inzwischen die Größe der Bocadillos. Von anfänglich sehr kurzen Exemplaren hat sich die Länge inzwischen zum Teil verdreifacht.

Bis zum Kilometer 17 in El Burgo Ranero passiert tatsächlich nichts, über das man berichten könnte. Wie unterschiedlich sich die Autos bzw. deren Fahrerinnen und Fahrer verhalten, wenn sie an uns vorbeifahren, ist nicht ganz so spannend. Es waren auch nicht so viele. Wir laufen auch in Sichtweite zu einer Autobahn und einer Bahnlinie für Hochgeschwindigkeitszüge, von denen aber binnen vier Stunden gerade einmal vier an uns vorbeifahren, von hoher Geschwindigkeit kann man allerdings nicht sprechen. Jedenfalls machen wir in El Burgo Ranero eine weitere Pause. Zunächst laufen wir bis zur Iglesia de San Pedro Apóstol, finden dort aber keine Möglichkeit für eine Erfrischung, die uns zusagt. Also da ganze wieder zurück bis fast zum Beginn der Calle Real, wo wir im Restaurant La Costa del Adobe doch noch fündig werden.

Bemerkenswert ist, dass so gut wie keine anderen Pilger auf der gleichen Route wie wir unterwegs sind. Wir sind so ziemlich alleine. Vielleicht liegt es daran, dass momentan der Camino Portugues beliebter ist als der Camino Frances. Die Zahlen des Pilgerbüros von Santiago de Compostela weisen im Mai ungefähr 4.000 Pilger mehr ab Porto aus. Während dieser Gedanken kommt endlich etwas Abwechslung in die Landschaft: erstmals bekommen wir Vieh zu Gesicht, nämlich eine große Herde aus Schafen und Ziegen. Ganz unauffällig hat auf der rechten Seite eine weitere Bahnlinie zu uns gefunden. Bevor sie sich wieder entfernt, fährt im ruhigen Tempo ein sehr kurzer Güterzug vorbei.

Drei Kilometer vor unserem Zielort werden wir völlig überraschend aus unserem Tunnel geholt, als uns eine Pilgerin ohne Rucksack, aber mit angehängten Wanderstöcken mit flottem Schritt an uns vorbeirauscht. Gegen 13:30 Uhr erreichen wir nach rund 30 Kilometern unsere Albergue Las Hadas in Reliegos. Ich bin erstaunt, dass meine blauen Caminosocken von Wrightsocks immer noch in ihrer Originalfarbe erstrahlen. In den letzten Tagen erschienen sie immer in einem Grauton, da wir große Stücke über staubige Schotterwege gelaufen sind. Unsere Unterkunft ist sauber, modern und der zugehörige großzügige Garten mit vielen schattigen Ecken lädt zum Erholen ein. Hier fühlen wir uns sehr wohl. Wehrmutstropfen des Tages: schon seit ein paar Tagen spüre ich etwas an der Ferse des rechten Fußes. Dort hat sich unter der Hornhaut eine Blase gebildet. Noch stört sie nicht. Später gibt es noch ein gemeinsames Abendessen. Ein bunter Haufen sitzt am Tisch, Spanier, eine Schweizerin, ein Kanadier, eine Deutsche und wir.

   

 

  

 

Kathedrale Nr. 2: Léon

03.06.2026: Reliegos - León (23,9 km)

Erneut kappt es mit dem frühen Aufstehen und Fertigmachen ohne große Geräuschkulisse. Wir haben uns wirklich bemüht, keinen zu stören. Im Gegensatz zu einem asiatischen Pilger, der gestern Abend noch einen Berg Holz zerkleinert hat. Jedenfalls stehen wir kurz vor sechs Uhr auf der Straße - heute sind wir die ersten. Es fällt direkt auf, dass es deutlich kälter ist als die letzten Tage. Schon am Ortsausgang von Reliegos an einem Pilgerdenkmal setzen wir die Rucksäcke ab und ziehen uns wärmer an. Es wird jeden Tag ein wenig früher hell und so erkennen wir auch bald den Grund für die tiefen Temperaturen. Der Himmel ist wolkenverhangen. Es gibt kurz darauf noch einen schönen Sonnenaufgang, doch die Wolkendecke lässt keine wärmenden Strahlen durch. Wir laufen wie gestern zunächst auf einer ungenutzten Straße, lassen den eigentlichen Pilgerstreifen neben uns und sehen endlich einmal auf einer Weide sich langweilende Rinder.

Wir hoffen, in Mansillas de las Mulas eine Möglichkeit für das Frühstück zu finden. Daraus wird allerdings nichts. Dafür finden wir den koreanischen Onkel und seinen Neffen, die uns auf Ihre freundliche Art begrüßen. Im Übrigen sind heute wieder deutlich mehr Menschen mit großen und kleinen Rucksäcken unterwegs. Das liegt wahrscheinlich am Tagesziel León, das für viele ein Muss ist. Erst nach circa 11 Kilometern kehren wir in Villamoros de Mansilla (was so viel wie Stadt der Mauren bedeutet und auf die frühere maurische Vorherrschaft hinweist) in der Bar La Casina ein bekommen dort ein Bocadillo in der nun gewohnten Größe serviert.

Endlich verlassen wir die Straße und haben wieder mehr Natur um uns herum. Auch schon einmal gesehene Pilger laufen uns nun über den Weg wie der in „Badelatschen“ pilgernde, langhaarige Waliser, der inzwischen gerne seinen eigenen Stempel verteilt und sich DJ Yann nennt. Auch der Küchenmeister sowie die amerikanische Wackelente mit Freundin haben wieder einmal unsere Wege gekreuzt. Um 10:30 Uhr werden wir von der eigentlichen Route weggeführt, es scheint eine temporäre Umleitung zu sein. Inzwischen hat sich die Sonne gegen die Wolken durchgesetzt, sodass wir wieder leichter bekleidet unterwegs sein können. Dadurch ergibt sich aber eine weitere Pause in der Bar Mangas in Valdeafuente, wo alle vorgenannten ebenfalls ein schattiges Plätzchen gefunden haben. Es sind jetzt nur noch rund 5 Kilometer. Hinter dem nächsten Hügel sehen wir gerade ein Flugzeug starten und direkt danach wird die Kathedrale von León sichtbar. Schon aus der Ferne wirkt sie sehr imposant. Auffällig sind wieder einmal die vielen Storchennester, die so ziemlich auf jeder Erhöhung zu sehen sind. Nahe der mittelalterlichen Castro-Brücke werden die Pilger von ehrenamtlichen Helfern der Proteccion Civil León begrüßt und mit einem Stempel ausgestattet.

Gegen 12:30 Uhr erreichen wir die Pilgerherberge der Franziskaner in León und bekommen unser Zimmer zugewiesen, das im dritten Stock liegt, aber mit einem Fahrstuhl zu erreichen ist. Wir machen uns frisch, geben unsere Wäsche ab und suchen uns in der Stadt etwas zu essen. Unsere Wahl fällt auf das Restaurante Rigoletto Trattoria auf dem halben Weg zur Kathedrale, wo wir ein leckeres Menü bekommen. Am späten Nachmittag besuchen wir die Kathedrale. Im Vergleich zu Burgos ist sie etwas nüchterner, wirkt aber durch die bunten Fenster bei Sonneneinstrahlung auf ihre eigene Art. Auf dem Rückweg zur Herberge kauft sich Jörg noch ein Paar neue Sandalen, da seine nicht mehr ganz intakt waren. Bevor wir noch einen Snack zum Abend einkaufen, huscht Jörg noch schnell zum Frisör rein und lässt sich Haare und Bart schneiden. In einem nahegelegenen Supermarkt besteht die Möglichkeit, fertig zubereitete Salate zu bekommen, die man in einem abgetrennten Bereich direkt verzehren kann. Ich freue mich, wenn es morgen wieder raus aus León geht. Mir ist es hier zu voll, zu laut und zu unruhig.

   

 

  

 

Gute Ausrüstung vertreibt den Regen - wieder einmal

04.06.2026: León - San Martín del Camino (25,7 km)

Unsere Zimmerbelegung in dieser Nacht war sehr strange. Noch nie haben wir eine solche Zusammenstellung gehabt. Schon als wir gestern zum ersten Mal das Zimmer betraten, herrschte eine seltsame Stimmung, keine Antwort auf unsere Begrüßung und auch sonst kein Wortwechsel, nicht eine Silbe. Zwei von sechs hatten es nicht nötig, die Einmalbezüge zu nutzen, einer davon schlief in den Klamotten, mit denen er heute unterwegs sein wollte. Einer knallte sämtliche Türen, auch mitten in der Nacht. Ok, dann eben nicht. Können wir auch. Wir haben alle mit Nichtbeachtung gestraft. Und heute nach dem Aufstehen sind wir viel zu brav. Wir haben nämlich gestern Abend unsere Sachen so vorbereitet, dass wir alles mit zwei Handgriffen aus dem Zimmer schaffen können. Das haben diese Herrschaften eigentlich nicht verdient.

Kurz vor 6:00 Uhr ist inzwischen Tradition geworden und auch heute halten wir uns an diese Zeit. Es geht zunächst durch das stille León, wo so gut wie niemand auf den Straßen anzutreffen ist. Nur ein paar Pilger schlagen die gleiche Richtung ein wie wir. Es dauert fast 90 Minuten, bis wir auch die Vororte hinter uns lassen. Es ist kalt, eine Anzeige einer Apotheke zeigt gerade 13 Grad an. Der Himmel ist noch stärker bewölkt als gestern und wir haben erneut wärmende Sachen an. In La Virgen del Camino bestaunen wir eine modernere Kirche aus dem Jahr 1961 von außen. Die Front ist mit Bronzestatuen versehen, die Maria und die zwölf Apostel darstellen. 1505 entstand an dieser Stelle eine Marienkapelle, da dort einem Hirten die Gottesmutter erschien - ein heiliger Ort also.

Ab jetzt gesellt sich unsere Freundin, die stark befahrene N120, zu uns. Sie wird uns bis zum Tagesziel nicht mehr von der Seite weichen. Wir sind jetzt auch brave Pilger und nutzen den für uns vorgesehenen Pilgerstreifen. In Valverde de la Virgen sind wir über die Bewohner der Iglesia Santa Engracia erstaunt. Nicht weniger als fünf Storchennester sind auf dem Glockenturm und alle werden genutzt. Für den nächsten Ort, San Miguel del Camino, finden wir endlich eine Möglichkeit, ein Frühstück einzunehmen. Am Wegesrand lädt eine Blockhütte mit dem Namen Oasis The Jungle die Pilger zum Verweilen ein. Wir sind jetzt immerhin schon 13,5 Kilometer auf den Beinen und kämpfen mit einem zeitweise starken Gegenwind.

Das Wetter will einfach nicht besser werden. Um uns noch mehr vor dem Wind zu schützen, ziehen wir unsere regen- und winddichten Jacken von ProX an. Auch der Regenschirm wird gleich zum Einsatz kommen. Viel wichtiger aber ist, dass die Schuhe nicht nass werden, das könnte problematisch werden. Zum Glück fällt der Niederschlag nur sehr spärlich aus und lässt uns dann sogar ganz in Ruhe. Das haben wir schon so oft auf dem Jakobsweg erlebt. Wenn Regenjacke oder -schirm ausgepackt werden, streckt Petrus schon kurz darauf die Waffen und gibt sich geschlagen. So mögen wir das. Inzwischen dürften wir auch die 300-Kilometer-Marke erreicht haben. Die Entfernungsangaben, die man hier überall findet, fallen sehr widersprüchlich aus. Nach unserer Planung haben wir jedenfalls noch 285 Kilometer vor uns.

Der letzte Abschnitt für heute bringt uns wieder einmal etwas Neues. Links neben uns rauscht fließendes Wasser durch einen Kanal. Davon gibt es hier viele und sie dienen der Bewässerung der Felder. Meist hat das Wasser ein eher geringes Tempo. Doch wenn durch eingebaute Stufen ein künstlicher Höhenunterschied eingebaut wurde, rast es an uns vorbei. Die Landwirtschaft nimmt allmählich auch ab. Wir sind so gut wie am Ende der gefürchteten Meseta. Ich fand sie jetzt nicht so schlimm, wie sie immer dargestellt wird. Wir sind halt immer sehr früh unterwegs gewesen und haben uns dadurch der Mittagshitze entzogen. Gegen 12:15 Uhr treffen wir in San Martín del Camino in unserer Herberge La Huella ein - fast zwei Stunden zu früh. Wir dürfen aber dennoch einchecken und unsere Betten vereinnahmen. Heute haben wir einen Schlafraum mit sechs Betten. Inzwischen hat sich auch die Sonne gegenüber den Wolken durchgesetzt und es lässt sich auf der Terrasse ganz gut aushalten. Der Pool im Garten ist zwar verlockend, aber dazu ist es uns einfach zu frisch.

Zum Abendessen sitzen wir zusammen mit Pieter aus den Niederlanden, den wir in den letzten zwei Tagen immer wieder mal gesehen haben. Es ist eine nette Runde und wir haben uns viel zu erzählen. Dabei finden wir übrigens auch den Grund heraus, warum es schwierig ist, in Santiago eine Unterkunft zu finden. Es findet nämlich vom 18. - 20.06. auf dem Monte de Gozo das Festival O Son do Camiño statt, bei dem unter anderem eine gewisse Katy Perry (die mich gar nicht interessiert), aber auch Biffy Clyro und vor allem Linkin Park auftreten werden. Und das Gute ist, es gibt für die Auftritte der beiden letzteren am Freitag noch Tickets. Haken an der Sache: Linkin Park spielen bis 01:00 Uhr, da komme ich in meine Unterkunft nicht mehr rein - schade.

   

 

 

 

Kathedrale Nr. 3: Astorga

05.06.2026: San Martín del Camino - Astorga (23,1 km)

Meine Uhr sagt mir, dass mein SleepScore der letzten Nacht ausgezeichnet war. Wir haben wohl so gut geschlafen, dass wir sogar verschlafen haben. Nun ja, eine halbe Stunde später als sonst aufzustehen muss nicht gleich mit verschlafen gleichgesetzt werden. Dafür sind wir wesentlich schneller abmarschbereit als an allen bisherigen Tagen. Wir verlassen kurz nach 6:00 Uhr die Herberge und bleiben zunächst eine Zeit lang an der N120. Da die Wettervorhersage sehr niedrige Temperaturen erwähnte, haben unsere kurzen Hosen erstmals Beine bekommen. Nach fast sieben Kilometern verlassen wir unsere Lieblingsstraße und wechseln auf einen Feldweg, der uns nach Hospital de Órbigo bringt. Unterwegs können wir auf einem Glockenturm wieder einige Störche beobachten. Auf der langgezogene Puente del Paso honroso über den Fluß Órbigo mit insgesamt neunzehn Bögen laufen wir an einem Turnierplatz vorbei, der Ort selbst ist festlich geschmückt. Ab morgen finden hier ritterliche Turniere statt.

Nach der wohlverdienten Frühstückspause mit schönstem Blick von der Terrasse des Restaurants Don Suero de Quiñones auf die Brücke geht es weiter. Es gibt zwei Möglichkeiten: entlang der N120 oder die etwas längere Variante durch die benachbarte Landschaft. Wir bleiben der Straße treu, bezahlen das mit zwei deftigen Anstiegen, die nach dem Neubau der „Rennpiste“ über die nicht mehr genutzte Trasse führt. Inzwischen ist es deutlich wärmer geworden und wir befreien zumindest den Oberkörper von einer wärmenden Schicht. Wir kommen weiterhin gut vorwärts und erreichen bald auf einer Anhöhe das Crucero de Santo Toribio. Von hier aus kann man schon in der Ferne die Türme der Kathedrale von Astorga sehen. Es geht aber zunächst abwärts nach San Justo de la Vega, wo wir in der Cafeteria Oasis noch einmal pausieren.

Die letzten 3 Kilometer bis Astorga vergehen sehr schnell, sodass wir pünktlich um 12:00 Uhr vor der Albergue My Way stehen. Ein paar andere Pilger sind bereits da und warten im Garten darauf, dass wir eingelassen werden. Das passiert binnen weniger Minuten durch Lea, einer Schweizerin, die hier aufgewachsen ist und mit ihrer Schwester die Herberge aufgebaut hat. Die Unterkunft ist spitze, an viele Kleinigkeiten wurde gedacht und wir fühlen uns direkt sehr wohl. Nachdem alles erledigt ist, was immer zu erledigen ist, begeistert sich Jörg für eine Massage, während ich in die Stadt gehe.

Mein Weg führt direkt zur Kathedrale, wo ich am Eingang einen Kopfhörer für Erklärungen bekomme. Der Weg des Besuchers wird zuerst durch das Museum geleitet, danach über den Kreuzgang in das Kircheninnere. Im Vergleich zu den Kathedralen von Burgos und León wirkt diese hier sehr nüchtern und rangiert in meiner Rangliste leider nur auf Platz 3. Vielleicht liegt es auch daran, dass gerade lärmende Arbeiten durchgeführt werden. Aber auch die Seitenkapellen sind weder vergittert noch zum Teil in keinem guten Zustand, an den Altären blättert teilweise der Putz ab. Auf die Jakobus-Kapelle hat man aufgrund der Arbeiten nur eine eingeschränkte Sicht. Interessanter ist dagegen der benachbarte Bischofspalast, der von Antoni Gaudi 1889 begonnen wurde. Nach einer 20-jährigen Unterbrechung vollendete Ricardo Guareta bis 1914 den Bau, da Gaudi sich von dem Projekt zurückgezogen hatte. Der damalige Bischof wollte den Palast nicht nutzen, so dass dieser zunächst leer stand und ab 1936 im spanischen Bürgerkrieg vom Militär genutzt wurde. Seit 1963 ist hier das Museo de los Caminos beheimatet. Dennoch sind neben der Ausstellung vor allem das Kellergewölbe, die Kapelle sowie Arbeits-, Speise- und Empfangszimmer sehr imposant und sehenswert.

Gegen 19:00 Uhr werden wir zum Essen gerufen. Wird in den Herbergen ein Pilgermenü angeboten, sind wir direkt dabei. Es geht nichts über ein frisch gekochtes Essen, das oftmals auch mit lokalen Spezialitäten aufwarten kann. Preislich liegt ein solches Menü irgendwo zwischen 13 und 18 Euro.

   

 

 

 

Irgendwann musste es passieren…

06.06.2026: Astorga - Rabanal de Camino (20,3 km)

Pünktlich um 5:00 Uhr werden wir von Sonjas Wecker daran erinnert, aufzustehen. Nach einer Dreiviertelstunde sind wir soweit, dass wir aufbrechen können. Sonja ist bereits vor uns gestartet, Jörg, Simone und ich etwas später. Aus dem großen Schlafsaal nebenan ist noch kaum Aufbruchstimmung wahrzunehmen, lediglich ein Pilger hat sich aus dem Raum geschlichen und bereitet sich draußen vor. Unmittelbar hinter der Herberge steht am Straßenrand ein Gerät, dass mit Informationen zum Jakobsweg aufwartet, aber vor allem die durchlaufenden Pilger automatisch zählt. Vor uns waren es erst zwei. Ja, heute gesellt sich Simone zu uns und wird uns bis zu unserem Zielort Villalcázar de Sirga begleiten.

Wie zuletzt wandern wir noch in der Dunkelheit durch Felder. Neben unseren knirschenden Schritten sind lediglich Vögel und die surrenden Bewässerungsanlagen zu hören. Auf einigen Feldern wird bereits Heu geerntet, das in Reihen zum Trocknen zusammengeräumt wurde, bevor es zu großen Ballen gepresst und zu hohen Türmen gestapelt wird. Es erschließt sich mir jedoch nicht, wofür das Heu verwendet werden soll, denn Vieh ist hier weit und breit nicht zu sehen.

Inzwischen habe ich festgestellt, dass ich jeden Tag etwa drei bis vier Kilometer Wegstrecke benötige, bis ich meinen Rucksack nicht mehr spüre. Zu Beginn eines jeden Pilgertages drückt sich der Hüftgurt feste in den Beckenkamm. Dann kommt der Zeitpunkt, an dem ich gar nicht mehr spüre, dass ich etwas auf dem Rücken trage. So soll es auch sein. Gegen 7:30 Uhr erreichen wir Boadilla del Camino und machen in der Albergue und Bar En El Camino unsere Frühstückspause. Außerdem treffen wir dort wieder Sonja, die wir eigentlich schon deutlich früher eingeholt haben wollten. Beim deutsch sprechenden Hospitalero bestellen wir alle ein Omelette, dass in einem großen Stück Baguette serviert wird. Auf dem Turm der Pfarrkirche Nuestra Señora de la Asunción sitzen neben einem stolzen Storch ein paar Tauben und gurren vor sich hin. Storchennester findet man hier unzwischen auf jedem Kirchturm und meistens sind bereits Jungvögel zu sehen.

Nach kurzer Zeit landen wir vier am Canal de Castilla. Dieser wurde im 18. und 19. Jahrhundert mit einer Länge von über 200 Kilometern gebaut und auf ihm sollte Getreide bis nach Santander transportiert werden. Wir laufen auf dem Treidelpfad nebenan und verabschieden uns von Sonja, die etwas gemütlicher weiterlaufen möchte. Kurz vor Frómista verlassen wir den Kanal, der durch vier Schleusen einen Höhenunterschied von vierzehn Metern überwindet, und biegen in die Stadt ab. Erneut legen wir eine kurze Trinkpause in einer Bar ein, die von einem Brasilianer geführt wird.

An einer Brücke in Población de Campos müssen wir uns zwischen zwei Wegvarianten entscheiden. Entweder die kompletten verbleibenden zwölf Kilometer an der Seite einer Straße oder alternativ zumindest ein Stück schattiger und ruhiger auf einem Feldweg. Wir entscheiden uns für letztere Möglichkeit. Nach vier Kilometern verlassen wir den endenden Weg schon wieder und schwenken nach Revenga de Campos zur Straßenvariante, auch in der Hoffnung, in der dortangekündigten Bar etwas trinken zu können. Diese hat aber zu unserem Leidwesen geschlossen und der davor platzierte Automat spuckt die eingeworfenen Münzen mit gleicher Geschwindigkeit wieder aus, anstatt ein Getränk zu spendieren. Zum Glück können wir noch auf unsere Wasservorräte zugreifen. Der letzte Abschnitt ist nicht mehr ganz so schön - nur schnurgeradeaus an einer Straße entlang und der immer heißer werdenden Sonne über uns. Schließlich taucht hinter einer leichten Kurve die markante Silhoutte der Iglesia Santa Maria La Blanca von Villalcázar de Sirga auf.

Gegen 13:00 Uhr stehen wir vor unserer Unterkunft Hostal Las Cantigas, trinken aber zuerst einmal zur Erfrischung ein großes Radler. Während Simone für Touristen Fotos schiesst, erhalten Jörg und ich unser Doppelzimmer. Wir stellen zunächst nur unsere Sachen ab und wollen uns von Simone verabschieden, die noch sechs Kilometer weiter bis Carrión de los Condes vor sich hat. Wir setzen uns zu ihr, es gesellt sich noch eine Australierin dazu. Da gerade die Kirche geöffnet ist, nutze ich die Gelegenheit zur Besichtigung. Sie stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist ein Vermächtnis der Templer. Schon die schmucken Portale sind beeindruckend, aber auch das eigentlich nüchterne Innere kann sich sehen lassen. Als ich wieder bei den anderen am Tisch sitze, läuft gerade ein Pilger mit seinem Esel an uns vorbei und sorgt dafür, dass fast alle Leute versuchen, ein tolles Foto zu bekommen. Nachdem wir uns von Simone verabschiedet haben, wird es Zeit für eine erfrischende  Dusche und eine kurze Ruhepause. Wir sind hier im 160-Seelen-Dorf relativ alleine, nur wenige Pilger übernachten hier. Besonderheit beim Abendessen: als Dessert wird uns unter anderem hausgemachter Flan angeboten. Fazit: beste Entscheidung des Tages, bester Flan ever!

   

 

 

 

Man muss nicht immer die erste Bar wählen

07.06.2026 Rabanal del Camino - Ponferrada (32,7 km)

Unsere Zimmernachbarn haben sich bereits früh aus dem Staub gemacht. Da wir heute etwas länger an der Matratze horchen dürfen, nutzen wir das auch aus und stehen erst gegen 6:00 Uhr auf. Eine Stunde später holt uns pünktlich Felix mit seinem Taxi ab und fährt uns zum Cruz de Fierro. Inzwischen ist auch die Sonne hinter uns aufgegangen und es sind schon etliche Pilger an dem magischen Platz eingetroffen. Kurz darauf ist mein Rucksack etwas leichter geworden, denn der Stein vom Alto de Perdón hat seinen Bestimmungsort erreicht. Noch ein paar Erinnerungsfotos und los geht es.

Eigentlich sollte das Cruz de Fierro mit 1504 Metern der höchste Punkt auf dem Camino Frances sein, doch in der Folge geht es ständig auf und ab. Irgendwann wird auf der Uhr 1511 Meter angezeigt. Wir vermeiden wiederum den Pilgerstreifen und nutzen die Straße, auf der so gut wie keine Autos fahren. Neben uns registrieren wir eine Heidelandschaft mit Eichen, die uns fast den ganzen Tag begleiten wird. Auf dem ersten Ortsschild ist Manjarín zu lesen. Hier hatte Tomás, „der letzte Tempelritter“ sein Refugio. Nicht besonders komfortabel, aber liebevoll und kultig. Leider ist das Anwesen jetzt verlassen, Tomás ist im Januar dieses Jahres verstorben. Gerne hätte ich diese Camino-Legende getroffen. Wie ich erst später erfahren werde, bewahren Freiwillige das Erbe und bieten den vorbeiziehenden Pilgern auf Spendenbasis eine Kaffee an.

Nicht immer ist es sinnvoll, der Straße zu folgen, vor allem dann nicht, wenn sie zusätzliche Strecke machen würde. Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als den Pilgerpfad zu nutzen. Nachteil: der Weg ist uneben, mit Schotter übersät und manchmal auch mit felsigem Untergrund versehen. Das verlangt Konzentration und Aufmerksamkeit. Wir sind froh, gegen 9:30 Uhr in El Acebo de San Miguel anzukommen. Dort soll es ein Frühstück geben. In der ersten Bar ist das Angebot nicht nach unserem Geschmack, also wechseln wir auf die andere Straßenseite zum Casa del Peregrino. Hier werden wir sehr nett von der Inhaberin empfangen und richtig gut versorgt bedient. Während wir im Innenraum sitzen, laufen in heimischer Tracht Männer und Frauen mit Musik durch den Ort. Heute ist ein Festtag und es wird an die Passanten Kuchen und Wein verteilt. Das wollen wir uns nicht entgehen lassen und treten auch auf die Straße. Das ganze Dorf scheint hier versammelt zu sein.

Es ist uns in den letzten Wochen tatsächlich aufgefallen, dass man für eine Pause nicht direkt die erste Bar ansteuern sollte. Damit haben wir bisher keine guten Erfahrungen gemacht. In der Regel war die zweite Wahl immer besser.

Nach der Erholung haben wir noch ein paar hundert Höhenmeter Abstieg vor uns, in der Summe werden es rund 1000. Abwechslung von der schwierigen Strecke verschaffen uns die schönen Bergdörfer wie Acebo, Riego de Ambrós und am Ende Molisaneca. In allen scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. In letzterem legen wir in der Bar Donde Maria eine weitere Pause ein, bevor es auf einer etwas kürzeren Alternativroute an der Straße entlang nach Ponferrada geht. Unsere moderne Albergue Guiana erreichen wir um 13:50 Uhr und bekommen unsere Betten in einer 7-Betten-Stube zugewiesen. Wir sind heute aufgrund des langen und holprigen Abstieges erschöpft und froh, angekommen zu sein. Das Nachmittagsprogramm ist einfach beschrieben: etwas trinken, etwas essen und die Templerburg von Ponferrada ansehen. Danach geht es ab ins Bett und fit werden für morgen. Ach ja, die Blase an meinem kleinen Zeh hat wohl das ständige Abwärtsgehen viel Druck von vorne bekommen und ist dadurch ein wenig zur Seite gewandert. Aber auch damit kann ich noch wandern. Mal sehen, ob morgen Nachmittag doch noch eine Operation fällig wird. Und noch etwas: im Zimmer ist auch Manuel aus Spanien. Seine Tochter wohnt in Trier. Die Welt ist klein. Zum Abschluss der dritten Woche eine Zahl: Wir haben jetzt genau 500 Kilometer hinter uns.

 

       

 

 

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